06.03.2006
/ Pressemitteilung, Düsseldorf
Internationaler Frauentag: Frauenrechte
werden zum Prüfstein
Minister Armin Laschet fordert eine Debatte über gemeinsame
Leitkultur - Entschiedenes Nein zu Zwangsehen, häuslicher Gewalt
und
"kulturbedingten Straftaten"
Das Ministerium für Generationen,
Familie, Frauen und Integration
teilt mit:
Der nordrhein-westfälische Integrationsminister Armin Laschet hat
anlässlich des Internationalen Frauentags einen breiten gesellschaftlichen
Dialog zwischen Zuwanderern und Deutschen gefordert. Bei der Podiumsdiskussion
„Muslimisch, weiblich, gleichberechtigt? - Prüfstein einer
gemeinsamen Leitkultur“ sagte Laschet in Berlin: "Die Verständigung
auf eine gemeinsame Leitkultur bedeutet, dass wir uns wieder bewusst
machen, welche Werte der Kitt unserer Gesellschaft sind." An der
Veranstaltung nahmen neben Laschet namhafte Publizisten, Wissenschaftler
und Frauenrechtlerinnen teil, darunter der Göttinger Politologe
und Islamwissenschaftler Bassam Tibi und die Frauenrechtlerin Serap
Çileli.
„Für den Zusammenhalt der Gesellschaft brauchen wir die erfolgreiche
Integration der hier lebenden Zugewanderten. Deshalb suchen wir den
Dialog und wollen dabei Probleme nicht unter den Teppich kehren, sondern
ehrlich und fair miteinander streiten - so wie es in einer Demokratie
üblich ist“, erklärte Laschet. Es gehe nicht darum,
dass die Mehrheitsgesellschaft ihre Vorstellungen diktiere, es müsse
vielmehr ein Prozess angestoßen werden, in dem sich Deutsche und
Zuwanderer gemeinsam auf einen Wertekanon einigten. "Dieser Prozess
braucht Zeit, nur dann kann gegenseitiges Verständnis und Vertrauen
entstehen", sagte Laschet.
Grundvoraussetzung sei, dass die Debatte auf der Basis des Grundgesetzes
geführt werde, so der Minister. Er hob hervor: "Zwangsehen,
häusliche Gewalt oder kulturell bedingte Straftaten verstoßen
gegen das Gesetz." Aufgabe des Staates sei es, das Recht muslimischer
Frauen auf Selbstbestimmung durchzusetzen
06. 03. 2006
/ islam.de
Muslimisch, weiblich, unerwünscht:
Kopftuch als Eye- catcher,
aber nicht als gesellschaftliche Normalität – Von Irmgard
Pinn
Strategie der Veranstaltung der
nordrhein-westfälischen Landesregierung anlässlich des Frauentages
ist zweifelhaft
Sie ist jung und lächelt
offen und fröhlich in die Kamera. Sie trägt ein leuchtend
rotes Tuch um den Kopf geschlungen. Sie ist eine Muslima, eine - wie
die meisten in Deutschland - mit "Migrationshintergrund".
Ihre Eltern mögen vor vielen Jahren aus Nordafrika oder Ägypten
eingewandert sein. Nun wurde ihr Bild von der nordrhein-westfälischen
Landesregierung als Blickfang für die Einladung zu einer Veranstaltung
anläßlich des diesjährigen Frauentages ausgewählt.
Die neben ihr offenbar als Repräsentantin der deutschen Mehrheitsgsellschaft
abgebildete blonde junge Frau tritt optisch etwas in den Hintergrund.
Dennoch wird auf den ersten Blick klar, um was es hier geht - um muslimische
Frauen und um den Dialog mit dem Islam.
Beides steht ganz oben auf der
Agenda der seit Sommer vorigen Jahres in Düsseldorf amtierenden
CDU-FDP-Koalition und findet in der Person des Ministers Armin Laschet
(CDU), der praktischerweise sowohl für Frauen als auch für
Integration zuständig ist, einen eifrigen Verfechter. Zu seinen
dringlichsten Anliegen zählt ein Gesetz, mit dem muslimischen Lehrerinen
auch in NRW untersagt werden soll, in der Schule ein Kopftuch zu tragen.
Gleichauf rangieren die Bekämpfung von Zwangsehen und Ehrenmorden.
Die Veranstaltung "Muslimisch, weiblich, gleichberechtigt?"
zum Frauentag darf daher als programmatisch wegweisend verstanden werden
und insbesondere einen Eindruck davon verimitteln, wie die Landesregierung
diesen "Dialog" zu führen gedenkt.
Als Referenten sind der Politologe
Bassam Tibi und die Autorin Serap Cileli eingeladen. Tibi ist durch
zahllose Vorträge und Publikationen als leidenschaftlicher Warner
vor dem "Fundamentalismus" und einem den Weltfrieden gefährdenden
"Kampf der Kulturen" bekannt geworden. Immer wieder malt er
das Horrorszenario einer drohenden Islamisierung Europas in düstersten
Farben aus und wird nicht müde, dagegen sein den Islam in ein laizistisches
Korsett pressendes, auf individuelle Spiritualität, Lebenshilfe
und Trostfunktionen reduzierendes Euro-Islam-Konzept in Stellung zu
bringen. Muslimische Migranten, so Tibi, sind - jedenfalls solange wie
sie nicht auf wesentliche Elemente ihrer Religion und jeglichen Anspruch
verzichten, als Muslime am öffentlichen/politischen Leben teilzunehmen
- nicht integrationswillig, die deutsche Mehrheitsgesellschaft hält
er im Gegenzug für nicht integrationsfähig, d.h. unwillig
oder außerstande, den zugewanderten Muslimen klare leitkulturelle
Richtlinien vorzugeben und einen entsprechenden Forderungskatalog aufzustellen.
Schuld daran sind nach seiner
Überzeugung die von multikulturellen Illusionen verblendeten Gutmenschen
in Politik, Wissenschaften und Medien, nicht zuletzt auch jene Christen,
die sich seit vielen Jahren in interreligösen Dialogveranstaltungen
abmühen und nichtsdestotrotz (bzw. deswegen) von ihren muslimischen
Gesprächspartnern an der Nase herumgeführt und verachtet werden.
Sollten sie das nicht endlich erkennen bzw. von klarsichtigen, realistischen
und verantwortungsbewußten Kräften überstimmt werden,
prognostiziert Tibi auch für deutsche Städte blutige Straßenkämpfe,
in denen von Islamisten aufgehetzte türkisch- und arabischstämmige
No-Future-Kids sich an der allzu "toleranten" hiesigen Gesellschaft
rächen werden. Das Kopftuch ist für Tibi ein Instrument in
diesem Machtkampf um die Vorherrschaft in Europa. Zwar müsse aufgrund
der deutschen freiheitlich-pluralistischen Grundprinzipien hingenommen
werden, daß eine Muslima aus privaten Gründen ihr Haar bedeckt,
nicht aber das "demonstrative" Tragen eines Kopftuches, schon
gar nicht von Lehrerinnen in der Schule.
Wer nach welchen Kriterien befugt sein soll, zwischen einem "privaten"
und einem "demonstrativen" Tuch zu unterscheiden - für
viele muslimische Frauen immerhin eine Frage von existentieller Bedeutung
- bleibt dabei offen, wird jedoch in der politischen Praxis durch Gesetze
und Gesetzesinitiativen wie der aktuell in NRW anhängigen beantwortet.
Tibi, der das "demonstrativ" getragene Kopftuch als ebensowenig
mit dem Grundgesetz vereinbar hält wie die Verstümmelung weiblicher
Genitalien, sieht sich selbst zwar immer noch als tapferen einsamen
Kämpfer gegen eine breite Front aus Multi-Kulti-Träumern und
Ignoranten, ist jedoch mit seinen Thesen und Empfehlungen längst
im Mainstream von Politik und Medien angekommen und findet bei Feministinnen
ebenso Beifall wie in Unionskreisen.
So auch Serap Cileli, die vor
einigen Jahren mit ihrem Buch "Wir sind Eure Töchter, nicht
Eure Ehre" und als Frontfrau einer Terre-des-Femmes-Kampagne gegen
Zwangsehen bekannt geworden ist. Mit ihren Überzeugungen und Forderungen
kann sie nahtlos an Tibi anknüpfen, z.B. mit ihren Warnungen vor
einer - durch einfältige Deutsche "im Namen der Toleranz"
geduldeten - drohenden Islamisierung, womöglich bis hin zur Einführung
der Scharia "durch die Hintertür". Auch sie betrachtet
das Kopftuch nicht nur als eine "Zwangsjacke für muslimische
Frauen", sondern darüber hinaus als ein Symbol der "Absage
an die westliche Gesellschaft und deren freiheitliche und demokratische
Werte", wobei sie jedoch konsequenterweise auf Differenzierungen
zwischen "privat" oder "demontrativ" getragenen
Tüchern sowie sonstige Fragen nach Glaubensvorstellungen und Lebensentwürfen
der Kopftuchträgerinnen verzichtet. Als "Gefangene des islamischen
Fundamentalismus" haben diese für Cileli ohnehin weder die
Qualifikation noch das Recht zur gleichberechtigten Teilhabe im öffentlichen
Diskurs. Logisch folgerichtig ermuntert sie die politisch Verantwortlichen,
nicht nur Lehrerinnen das Kopftuchtragen zu verbieten, sondern ebenso
den Erzieherinnen und - nur Mut! - auch den Schülerinnen.
Üblicherweise dienen Impulsreferate
dazu, ein Veranstaltungsthema aus unterschiedlichen, oft sogar aus gegensätzlichen
Perspektiven zu betrachten. In diesem Falle könnten sie jedoch
vorhersehbar auch im Duett gesungen werden. Die darin zum Ausdruck kommende
Vorstellung der NRW-CDU vom "Dialog mit den Muslimen" wird
in der anschließenden Podiumsdiskussion fortgesetzt, wo die "gute",
als Dialogpartnerin willkommene Serap Cileli durch Güner Balci
(Journalistin und Mitarbeiterin des Berliner Mädchenzentrums "Madonna")
Verstärkung erhält.
Als Teilnehmer vorgesehen sind
des weiteren der Frauen- und Integrationsminister Armin Laschet sowie
der Leiter des Deutschen Instituts für Menschenrechte, Heiner Bielefeldt.
Dieser genießt als Menschenrechts- und Integrations-Experte einen
hervorragenden Ruf und wird aufgrund seiner besonnen-rationalen Position
in den teilweise geradezu hysterisch geführten Debatten um Kopftuch,
Zwangsheiraten und "Ehrenmorde" auch in der Muslimischen Community
respektiert und geschätzt.
Ach ja, und dann wäre da
noch jemand: Nadeem Elyas, bis vor kurzem Vorsitzender des Zentralrats
der Muslime in Deutschland. Während seiner Amtszeit war er unermüdlich
für den interreligiösen und interkulturellen Dialog sowie
die Integration religiös orientierter Muslime in die hiesige Gesellschaft
im Einsatz. Weniger öffentliche Beachtung fand sein Engagement
innerhalb der eigenen Community gegen Unwissenheit, Aberglauben und
aus patriarchalen, feudal strukturierten Gesellschaften tradierte Sitten.
Er kann also gewiß aus einer von der Sichtweise von Tibi und Cileli
abweichenden Perspektive einiges zum Integrationsprozeß und zur
Situation religiös orientierter Musliminnen in Deutschland beitragen.
Doch es geht hier offenbar gar nicht um differenzierte, auf den Abbau
von Vorurteilen und gemeinsame Strategien gegen Versäumnisse und
Mißstände auf beiden Seiten angelegte Diskussion, weshalb
für Elyas denn auch nur eine kleine Nebenrolle vorgesehen ist -
wohl um den sonst allzu krassen Eindruck von Voreingenommenheit und
Protektion zu mildern.
Ob sich für diese Veranstaltung
tatsächlich keine gegenüber dem Islam und einer islamisch
orientierten Lebensweise positiv eingestellte Muslima (mit oder ohne
Kopftuch, gebildet, politisch interessiert und sozial engagiert) auftreiben
ließ? Eine, die innerhalb der muslimischen Community gegen Gewalt
und erzwungene Eheschließungen aktiv ist? Hat man überhaupt
gesucht? Nicht wenige dieser Frauen haben allerdings aus ähnlichen
Erfahrungen die Lehre gezogen, sich nicht länger als Alibi-Figur
in einer von der Politik oder von den Medien offensichtlich zu ihren
Ungunsten arrangierte Situation benutzen lassen.
Diese politische Strategie, wie
sie dieser Veranstaltung zum Frauentag zugrundeliegt, wird nicht zur
Behebung von Defiziten und Mißständen (deren Existenz überhaupt
nicht abgestritten werden soll) führen, sondern die ohnehin im
Mehrheitstrend liegende Schuldzuweisung an die muslimische Community
und "den Islam" weiter verstärken und damit den offiziell
propagierten Integrations- und Dialog-Zielen entgegenwirken.
Von Irmgard Pinn, Soziologin und
Frauenrechtlerin, schreibt in Abständen für islam.de und andere
Medien
Januar 2006
/ Ausgabe 7/ LIBERA
Baden- Württemberg
LIBERALE FRAUEN
Landesvereinigung Baden- Württemberg
Frauenrechte sind Menschenrechte!
„Wir sind Eure Töchter, nicht Eure Ehre“
Stuttgart. Am 28.10.05 fand auf
Einladung der Rheinhold- Maier- Stiftung die Podiumsdiskussion „Frauenrechte
sind Menschenrechte“ statt.
>> Hier ist dazu die PDF-Datei
29.01.2006
/ WAZ EXKLUSIV
"Das ist Sprachförderung"
Wer in Deutschland heimisch werden
möchte, muss Deutsch sprechen, meint die türkische Autorin
Serap Cileli - und sich Fragen gefallen lassen
DEUTSCHPFLICHT AN SCHULEN Essen.
Die Integrationsdebatte hat die Schulhöfe erreicht. Britta Heidemann
sprach mit der türkischen Autorin Serap Cileli über Sprache
und Heimat, Kulturen und Zwänge.
Das Thema Deutschpflicht an Schulen
ruft ja sehr vehemente Reaktionen hervor.
Cileli:
Die türkischen Verbände sprechen schon von Zwangsdeutsch und
betrachten das als einen Kulturkampf, das ärgert mich am meisten.
Es geht ja gar nicht darum, dass man jetzt nicht mehr in der Öffentlichkeit
Türkisch sprechen darf. An dieser Schule in Berlin ist das eine
freiwillige Vereinbarung, auf die die Schüler, Eltern und Lehrer
sich geeinigt haben, ich sehe das als eine Sprachförderung für
die Jugendlichen. Und ich wäre sogar für eine Deutschpflicht,
die vielleicht nicht auf so einem demokratischen Wege zu Stande gekommen
ist. Denn die Muttersprache für diese Kinder, für diese dritte
oder vierte Generation, ist Deutsch.
Sie befürchten nicht, dass
die Kinder die türkische Sprache, die Kultur verlieren könnten?
Cileli: Türkisch
sprechen die Kinder automatisch im Elternhaus, auch wenn dies nicht
immer das Hochtürkisch ist, weil vielleicht die Eltern selbst nur
bis zur fünften Klasse die Schule besucht haben. Sie werden also
die türkische Sprache nicht verlernen. Es ist natürlich sehr
schön, zweisprachig aufzuwachsen. Ich habe ja selbst drei Kinder,
die mit mir Deutsch sprechen und mit ihrem Vater Türkisch.
Was würden Sie als Ihre Muttersprache
bezeichnen?
Cileli:
Das ist schwierig - ich spreche beide Sprachen. Ich antworte automatisch
Deutsch. Als ich angefangen habe, meine Geschichte aufzuschreiben, habe
ich dies in der deutschen Sprache getan. Ich liebe aber Türkisch,
das ist eine wunderbare Sprache.
Eine, die nur wenige Deutsche
bereit sind zu lernen.
Cileli:
Das ist auch eine meiner Forderungen. Wichtig wäre dies zumindest
für Lehrer, gerade in den so genannten Brennpunktschulen.
Wie ist für Sie das Verhältnis
von Sprache und Heimat?
Cileli: Mehr als die Hälfte
der türkischen Migranten will hier in Deutschland leben, so die
Untersuchungen. Dann erwarte ich auch, dass man Deutschland als Heimat
betrachtet. Man sollte sich für dieses Land auch verantwortlich
fühlen. Man kann sich nicht immer nur hinstellen und sagen: Ihr
diskriminiert uns. Diese Opferrolle, dieses Beleidigtsein, das führt
zu gar nichts. Das ist das Gleiche wie bei den Fragebögen.
Sie meinen die Einbürgerungs-Debatte
in Baden-Württemberg?
Cileli: Ich
kann den ganzen Aufruhr gar nicht verstehen. Ich habe mir das durchgelesen,
es gibt ein paar Fragen, die hätte man anders formulieren sollen.
Aber ich sehe die Fragebögen als ein positives Zeichen, denn eigentlich
geht es hier um die Rechte der Frauen. Die Mehrheit der Fragen beschäftigt
sich mit der Gleichberechtigung. In der jüngsten Debatte um Zwangsheirat
und Ehrenmorde stellt Baden-Württemberg sich damit auf die Seite
der muslimischen Frauen.
Aber bewirkt dies etwas?
Cileli:
Das ist eher als ein Signal zu verstehen. Wir dürfen natürlich
die Gewalt bei einheimischen Familien nicht unter den Teppich kehren
- aber sie geschieht nicht im Namen der Ehre, das hat eine andere Qualität.
Wenn eine Tochter vergewaltigt wird, wird ein deutscher Vater nicht
sagen: Meine Tochter wurde entehrt, ich muss sie zum Selbstmord zwingen
oder sie selbst umbringen, damit ich meine Ehre bereinigen kann. Es
findet seit zehn, 15 Jahren eine Re-Islamisierung statt. Der Koran müsste
historisiert werden, er ist nicht vereinbar mit unserem Grundgesetz
hier und unseren Menschenrechten.
Vielen Gläubigen gilt er
aber als konkrete Handlungsanweisung . . .
Cileli:
Deswegen kann man ihn nur schwer als Gleichnis lesen, wie die Bibel.
In einigen Suren wird Gewalt gegen Frauen befürwortet - auf der
anderen Seite verboten. Es gibt viele Widersprüche im Koran, was
die Stellung der Frau angeht. Man wird die frauenfeindlichen Suren überdenken
müssen und umschreiben.
Es gibt aber doch Frauen, die
sagen, sie seien im Islam gleichberechtigt.
Cileli: Nehmen
wir mal die Zwangsheiraten junger Mädchen als Beispiel. Manche
der strenggläubigen Muslime glauben, das Mindestalter ist 16 Jahre.
Aber von Mohammed, der als Vorbild gilt, weiß jeder, dass seine
jüngste Frau neun Jahre alt war. Wenn es um männliche Macht
geht, dann nutzen Muslime ihre Religion für eigene Zwecke.
Wie könnte Deutschland dem
Problem der Zwangsheirat begegnen?
Cileli: Gesetze
sind sehr wichtig zum Schutz der Opfer, ebenso wichtig aber wäre
ein garantiertes Rückkehrrecht. Die Familien nehmen diesen Mädchen
ja die Pässe weg, und weil sie minderjährig sind, haben sie
kaum Möglichkeiten, sich selbst zu helfen.
11. Jan. 2006
/ Pforzheimer Zeitung
„Die Fragen sind angebracht“
Das PZ- Interview mit Serap Cileli,
türkischstämmige Frauenrechtlerin, über den Loyalitätstest
für Einbürgerungswillige
Gläubige Muslime in Deutschland
sind aus Sicht der Schriftstellerin Serap Cileli dann ein Problem, wenn
sie den Koran über die Gesetze stellen
Der Gesprächsleitfaden des
baden-württembergischen Innenministeriums, mit dem die Verfassungstreue
von Einbürgerungswilligen überprüft werden soll, ist
nicht nur bei Muslimen auf große Kritik gestoßen. Eine andere
Haltung nimmt dagegen die türkischstämmige Frauenrechtlerin
Serap Cileli ein. Mit ihr hat sich PZ- Redaktionsmitglied Alexander
Albrecht unterhalten.
Pforzheimer Zeitung:
Frau Cileli, seit Beginn des Jahres müssen sich einbürgerungswillige
Menschen in Baden-Württemberg einem Gesinnungstest unterziehen.
Wie finden Sie das?
Serap Cileli: Ich
halte den Gesprächsfaden für einen wichtigen Schritt dahin,
dass in Deutschland endlich eine Integrationspolitik betrieben wird,
mit der man schon vor 50 Jahren hätte beginnen sollen.
PZ:
Sie wurden einmal zwangsverheiratet und erhalten bis heute wegen Ihrer
Kritik an den Menschenrechten in islamischen Staaten Morddrohungen.
Glauben Sie, der Gesprächsleitfaden kann etwas an der Situation
von Frauen mit ähnlichen Schicksalen ändern?
Cileli:
Nein. Nicht alle Bewerber werden sich sofort an die westliche Werteordnung
anpassen. Das zu glauben wäre illusorisch. Es geht darum, die Einbürgerungsbewerber
über die Rechte in Deutschland aufzuklären, ihnen unsere Grundordnung
näher zu bringen. Das ist das Positive an der Loyalitätsprüfung.
Auf die innere Einstellung der Bewerber werden wir dagegen kaum Einfluss
haben. Wer die Menschen integrieren möchte, muss eine ordentliche
Aufklärungsarbeit leisten. Allein mit einem Fragenkatalog wird
sich wenig erreichen lassen.
PZ:
Die Fragestellung des Leitfadens richtet sich vornehmlich an Bewerber
aus islamischen Staaten. Fühlen Sie sich als Muslima diskriminiert?
Cileli: Eine
dogmatische Religionsausübung ist mir immer sehr fremd geblieben.
Wichtig ist, dass sich die Gesinnungsprüfung an alle Bewerber gleich
welcher Konfession richtet. Während meiner Arbeit habe ich christlich
erzogene Mädchen aus Griechenland oder Armenien betreut, die den
gleichen Leidensweg hinter sich hatten wie viele muslimische Frauen.
Zwangsehen oder Ehrenmorde sind kein muslimisches Problem.
PZ:
Politiker und Verbände halten dem baden-württembergischen
Innenministerium vor, der Fragenkatalog schüre Misstrauen, sei
einseitig und voller Vorurteile. Teilen Sie diese Ansicht?
Cileli: Nein.
Was haben die kritischen Stimmen denn unternommen, als muslimische Mädchen
von sozialen Aktivitäten abgeschnitten, zwangsverheiratet oder
im Namen der Ehre ermordet worden sind? Es ist allerdings in der Tat
fragwürdig, wie die Fragen zum Teil formuliert wurden. Deshalb
ist eine Überarbeitung des Leitfadens von Vorteil.
PZ:
Halten Sie es für notwendig, einen Muslimen, der die deutsche Staatsangehörigkeit
annehmen will, über seine Einstellung gegenüber Homosexuellen
zu befragen?
Cileli:
Natürlich. Leider gibt es auch christlich-orthodoxe Familien, die
Homosexualität ablehnen. Insofern muss weltweit noch viel mehr
getan werden. Es ist aber nachgewiesen worden, dass in manchen muslimischen
Ländern Homosexuelle gesteinigt wurden. Da braucht man gar nicht
drum herum reden. Deshalb sind Fragen angebracht.
PZ:
Ihre Aussagen dienen konservativen Kreisen als Argumentationshilfe.
Wie fühlen Sie sich in dieser Rolle?
Cileli: Ich
fühle mich missbraucht. Meine Absicht ist es nicht, eine Religion
schlecht darzustellen oder die türkischen Mitbürger in ein
schlechtes Licht zu rücken. Ich streite für die Menschenwürde
und Menschenrechte. Die Frauen aus meinem Kul-turkreis sollen die gleichen
Rechte erhalten wie jene in der westlichen Welt.
PZ:
Ist das Grundgesetz mit dem Koran vereinbar?
Cileli:
Nein, natürlich nicht. Grundgesetz und Koran können niemals
gleichgesetzt werden. Leider gibt es viele Muslime in Deutschland, die
den Koran eher als Gesetz annehmen als unsere Verfassung. Das ist äußerst
bedenklich.
Das Zitat: „Leider gibt es viele
Muslime in Deutschland, die den Koran eher als Gesetz annehmen als unsere
Verfassung.“
(Serap Cileli)
10. Jan. 2006
/ Die Welt
Wie gefährlich ist der deutsche
Staat?
von Thea Dorn
Die politisch-intellektuelle Öffentlichkeit
in Deutschland ist besorgt. Warum? Weil das Bundesland Baden-Württemberg
einen Katalog mit 30 Fragen eingeführt hat, welche die Beamten
in den Einbürgerungsbehörden seit erstem Januar jenen stellen,
die deutsche Staatsbürger werden wollen. So sollen die Beamten
den Einbürgerungswilligen fragen, ob er es für einen Fortschritt
hält, daß Männer und Frauen in Deutschland kraft Gesetz
gleichberechtigt sind. Ob er es für zulässig hält, daß
ein Mann seine Frau oder seine Tochter einschließt, um zu verhindern,
daß sie ihm in der Öffentlichkeit "Schande macht".
Ob er denkt, daß Kritik an Religion zulässig ist. Oder was
er von der Behauptung hält, die Juden seien für alles Böse
in der Welt verantwortlich. Jeder Verein hat das Recht, sich genauer
anzuschauen, wie das Weltbild desjenigen aussieht, der bei ihm Mitglied
werden will. Warum soll ein Staat dieses Recht nicht haben?
Wann immer in Deutschland der
politisch-intellektuelle Besorgnispegel steigt, ist "Titel, Thesen,
Temperamente" zur Stelle. So nahm sich das Kulturmagazin der ARD
vergangenen Sonntag unter dem Titel "Demokratie-Check für
Muslime: Wer darf bei uns Deutscher sein?" des Themas an. Zu Wort
kamen der Politik- und Islamwissenschaftler Bassam Tibi, der Schriftsteller
Peter Schneider, die Frauenrechtsaktivistin Serap Cileli und die Anwältin
Seyran Ates, die zwangsverheiratete Frauen bei Scheidungen vertritt.
Beide Frauen, nicht zuletzt auf
deren Initiative hin der Baden-Württembergische Vorstoß geschah,
erklärten, daß sie den Frage-Katalog für ein probates
Mittel halten, um Probleme wie Frauenunterdrückung, Zwangsverheiratungen
und Ehrenmorde besser in den Griff zu bekommen.