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06.03.2006 / Pressemitteilung, Düsseldorf

Internationaler Frauentag: Frauenrechte werden zum Prüfstein
Minister Armin Laschet fordert eine Debatte über gemeinsame
Leitkultur - Entschiedenes Nein zu Zwangsehen, häuslicher Gewalt und
"kulturbedingten Straftaten"

Das Ministerium für Generationen, Familie, Frauen und Integration teilt mit:
Der nordrhein-westfälische Integrationsminister Armin Laschet hat anlässlich des Internationalen Frauentags einen breiten gesellschaftlichen Dialog zwischen Zuwanderern und Deutschen gefordert. Bei der Podiumsdiskussion „Muslimisch, weiblich, gleichberechtigt? - Prüfstein einer gemeinsamen Leitkultur“ sagte Laschet in Berlin: "Die Verständigung auf eine gemeinsame Leitkultur bedeutet, dass wir uns wieder bewusst machen, welche Werte der Kitt unserer Gesellschaft sind." An der Veranstaltung nahmen neben Laschet namhafte Publizisten, Wissenschaftler und Frauenrechtlerinnen teil, darunter der Göttinger Politologe und Islamwissenschaftler Bassam Tibi und die Frauenrechtlerin Serap Çileli.
„Für den Zusammenhalt der Gesellschaft brauchen wir die erfolgreiche Integration der hier lebenden Zugewanderten. Deshalb suchen wir den Dialog und wollen dabei Probleme nicht unter den Teppich kehren, sondern ehrlich und fair miteinander streiten - so wie es in einer Demokratie üblich ist“, erklärte Laschet. Es gehe nicht darum, dass die Mehrheitsgesellschaft ihre Vorstellungen diktiere, es müsse vielmehr ein Prozess angestoßen werden, in dem sich Deutsche und Zuwanderer gemeinsam auf einen Wertekanon einigten. "Dieser Prozess braucht Zeit, nur dann kann gegenseitiges Verständnis und Vertrauen entstehen", sagte Laschet.
Grundvoraussetzung sei, dass die Debatte auf der Basis des Grundgesetzes geführt werde, so der Minister. Er hob hervor: "Zwangsehen, häusliche Gewalt oder kulturell bedingte Straftaten verstoßen gegen das Gesetz." Aufgabe des Staates sei es, das Recht muslimischer Frauen auf Selbstbestimmung durchzusetzen


06. 03. 2006 / islam.de

Muslimisch, weiblich, unerwünscht: Kopftuch als Eye- catcher, aber nicht als gesellschaftliche Normalität – Von Irmgard Pinn

Strategie der Veranstaltung der nordrhein-westfälischen Landesregierung anlässlich des Frauentages ist zweifelhaft

Sie ist jung und lächelt offen und fröhlich in die Kamera. Sie trägt ein leuchtend rotes Tuch um den Kopf geschlungen. Sie ist eine Muslima, eine - wie die meisten in Deutschland - mit "Migrationshintergrund". Ihre Eltern mögen vor vielen Jahren aus Nordafrika oder Ägypten eingewandert sein. Nun wurde ihr Bild von der nordrhein-westfälischen Landesregierung als Blickfang für die Einladung zu einer Veranstaltung anläßlich des diesjährigen Frauentages ausgewählt. Die neben ihr offenbar als Repräsentantin der deutschen Mehrheitsgsellschaft abgebildete blonde junge Frau tritt optisch etwas in den Hintergrund. Dennoch wird auf den ersten Blick klar, um was es hier geht - um muslimische Frauen und um den Dialog mit dem Islam.

Beides steht ganz oben auf der Agenda der seit Sommer vorigen Jahres in Düsseldorf amtierenden CDU-FDP-Koalition und findet in der Person des Ministers Armin Laschet (CDU), der praktischerweise sowohl für Frauen als auch für Integration zuständig ist, einen eifrigen Verfechter. Zu seinen dringlichsten Anliegen zählt ein Gesetz, mit dem muslimischen Lehrerinen auch in NRW untersagt werden soll, in der Schule ein Kopftuch zu tragen. Gleichauf rangieren die Bekämpfung von Zwangsehen und Ehrenmorden. Die Veranstaltung "Muslimisch, weiblich, gleichberechtigt?" zum Frauentag darf daher als programmatisch wegweisend verstanden werden und insbesondere einen Eindruck davon verimitteln, wie die Landesregierung diesen "Dialog" zu führen gedenkt.

Als Referenten sind der Politologe Bassam Tibi und die Autorin Serap Cileli eingeladen. Tibi ist durch zahllose Vorträge und Publikationen als leidenschaftlicher Warner vor dem "Fundamentalismus" und einem den Weltfrieden gefährdenden "Kampf der Kulturen" bekannt geworden. Immer wieder malt er das Horrorszenario einer drohenden Islamisierung Europas in düstersten Farben aus und wird nicht müde, dagegen sein den Islam in ein laizistisches Korsett pressendes, auf individuelle Spiritualität, Lebenshilfe und Trostfunktionen reduzierendes Euro-Islam-Konzept in Stellung zu bringen. Muslimische Migranten, so Tibi, sind - jedenfalls solange wie sie nicht auf wesentliche Elemente ihrer Religion und jeglichen Anspruch verzichten, als Muslime am öffentlichen/politischen Leben teilzunehmen - nicht integrationswillig, die deutsche Mehrheitsgesellschaft hält er im Gegenzug für nicht integrationsfähig, d.h. unwillig oder außerstande, den zugewanderten Muslimen klare leitkulturelle Richtlinien vorzugeben und einen entsprechenden Forderungskatalog aufzustellen.

Schuld daran sind nach seiner Überzeugung die von multikulturellen Illusionen verblendeten Gutmenschen in Politik, Wissenschaften und Medien, nicht zuletzt auch jene Christen, die sich seit vielen Jahren in interreligösen Dialogveranstaltungen abmühen und nichtsdestotrotz (bzw. deswegen) von ihren muslimischen Gesprächspartnern an der Nase herumgeführt und verachtet werden. Sollten sie das nicht endlich erkennen bzw. von klarsichtigen, realistischen und verantwortungsbewußten Kräften überstimmt werden, prognostiziert Tibi auch für deutsche Städte blutige Straßenkämpfe, in denen von Islamisten aufgehetzte türkisch- und arabischstämmige No-Future-Kids sich an der allzu "toleranten" hiesigen Gesellschaft rächen werden. Das Kopftuch ist für Tibi ein Instrument in diesem Machtkampf um die Vorherrschaft in Europa. Zwar müsse aufgrund der deutschen freiheitlich-pluralistischen Grundprinzipien hingenommen werden, daß eine Muslima aus privaten Gründen ihr Haar bedeckt, nicht aber das "demonstrative" Tragen eines Kopftuches, schon gar nicht von Lehrerinnen in der Schule.
Wer nach welchen Kriterien befugt sein soll, zwischen einem "privaten" und einem "demonstrativen" Tuch zu unterscheiden - für viele muslimische Frauen immerhin eine Frage von existentieller Bedeutung - bleibt dabei offen, wird jedoch in der politischen Praxis durch Gesetze und Gesetzesinitiativen wie der aktuell in NRW anhängigen beantwortet. Tibi, der das "demonstrativ" getragene Kopftuch als ebensowenig mit dem Grundgesetz vereinbar hält wie die Verstümmelung weiblicher Genitalien, sieht sich selbst zwar immer noch als tapferen einsamen Kämpfer gegen eine breite Front aus Multi-Kulti-Träumern und Ignoranten, ist jedoch mit seinen Thesen und Empfehlungen längst im Mainstream von Politik und Medien angekommen und findet bei Feministinnen ebenso Beifall wie in Unionskreisen.

So auch Serap Cileli, die vor einigen Jahren mit ihrem Buch "Wir sind Eure Töchter, nicht Eure Ehre" und als Frontfrau einer Terre-des-Femmes-Kampagne gegen Zwangsehen bekannt geworden ist. Mit ihren Überzeugungen und Forderungen kann sie nahtlos an Tibi anknüpfen, z.B. mit ihren Warnungen vor einer - durch einfältige Deutsche "im Namen der Toleranz" geduldeten - drohenden Islamisierung, womöglich bis hin zur Einführung der Scharia "durch die Hintertür". Auch sie betrachtet das Kopftuch nicht nur als eine "Zwangsjacke für muslimische Frauen", sondern darüber hinaus als ein Symbol der "Absage an die westliche Gesellschaft und deren freiheitliche und demokratische Werte", wobei sie jedoch konsequenterweise auf Differenzierungen zwischen "privat" oder "demontrativ" getragenen Tüchern sowie sonstige Fragen nach Glaubensvorstellungen und Lebensentwürfen der Kopftuchträgerinnen verzichtet. Als "Gefangene des islamischen Fundamentalismus" haben diese für Cileli ohnehin weder die Qualifikation noch das Recht zur gleichberechtigten Teilhabe im öffentlichen Diskurs. Logisch folgerichtig ermuntert sie die politisch Verantwortlichen, nicht nur Lehrerinnen das Kopftuchtragen zu verbieten, sondern ebenso den Erzieherinnen und - nur Mut! - auch den Schülerinnen.

Üblicherweise dienen Impulsreferate dazu, ein Veranstaltungsthema aus unterschiedlichen, oft sogar aus gegensätzlichen Perspektiven zu betrachten. In diesem Falle könnten sie jedoch vorhersehbar auch im Duett gesungen werden. Die darin zum Ausdruck kommende Vorstellung der NRW-CDU vom "Dialog mit den Muslimen" wird in der anschließenden Podiumsdiskussion fortgesetzt, wo die "gute", als Dialogpartnerin willkommene Serap Cileli durch Güner Balci (Journalistin und Mitarbeiterin des Berliner Mädchenzentrums "Madonna") Verstärkung erhält.

Als Teilnehmer vorgesehen sind des weiteren der Frauen- und Integrationsminister Armin Laschet sowie der Leiter des Deutschen Instituts für Menschenrechte, Heiner Bielefeldt. Dieser genießt als Menschenrechts- und Integrations-Experte einen hervorragenden Ruf und wird aufgrund seiner besonnen-rationalen Position in den teilweise geradezu hysterisch geführten Debatten um Kopftuch, Zwangsheiraten und "Ehrenmorde" auch in der Muslimischen Community respektiert und geschätzt.

Ach ja, und dann wäre da noch jemand: Nadeem Elyas, bis vor kurzem Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland. Während seiner Amtszeit war er unermüdlich für den interreligiösen und interkulturellen Dialog sowie die Integration religiös orientierter Muslime in die hiesige Gesellschaft im Einsatz. Weniger öffentliche Beachtung fand sein Engagement innerhalb der eigenen Community gegen Unwissenheit, Aberglauben und aus patriarchalen, feudal strukturierten Gesellschaften tradierte Sitten. Er kann also gewiß aus einer von der Sichtweise von Tibi und Cileli abweichenden Perspektive einiges zum Integrationsprozeß und zur Situation religiös orientierter Musliminnen in Deutschland beitragen. Doch es geht hier offenbar gar nicht um differenzierte, auf den Abbau von Vorurteilen und gemeinsame Strategien gegen Versäumnisse und Mißstände auf beiden Seiten angelegte Diskussion, weshalb für Elyas denn auch nur eine kleine Nebenrolle vorgesehen ist - wohl um den sonst allzu krassen Eindruck von Voreingenommenheit und Protektion zu mildern.

Ob sich für diese Veranstaltung tatsächlich keine gegenüber dem Islam und einer islamisch orientierten Lebensweise positiv eingestellte Muslima (mit oder ohne Kopftuch, gebildet, politisch interessiert und sozial engagiert) auftreiben ließ? Eine, die innerhalb der muslimischen Community gegen Gewalt und erzwungene Eheschließungen aktiv ist? Hat man überhaupt gesucht? Nicht wenige dieser Frauen haben allerdings aus ähnlichen Erfahrungen die Lehre gezogen, sich nicht länger als Alibi-Figur in einer von der Politik oder von den Medien offensichtlich zu ihren Ungunsten arrangierte Situation benutzen lassen.

Diese politische Strategie, wie sie dieser Veranstaltung zum Frauentag zugrundeliegt, wird nicht zur Behebung von Defiziten und Mißständen (deren Existenz überhaupt nicht abgestritten werden soll) führen, sondern die ohnehin im Mehrheitstrend liegende Schuldzuweisung an die muslimische Community und "den Islam" weiter verstärken und damit den offiziell propagierten Integrations- und Dialog-Zielen entgegenwirken.

Von Irmgard Pinn, Soziologin und Frauenrechtlerin, schreibt in Abständen für islam.de und andere Medien


Januar 2006 / Ausgabe 7/ LIBERA Baden- Württemberg

LIBERALE FRAUEN
Landesvereinigung Baden- Württemberg

Frauenrechte sind Menschenrechte!
„Wir sind Eure Töchter, nicht Eure Ehre“

Stuttgart. Am 28.10.05 fand auf Einladung der Rheinhold- Maier- Stiftung die Podiumsdiskussion „Frauenrechte sind Menschenrechte“ statt.

>> Hier ist dazu die PDF-Datei


29.01.2006 / WAZ EXKLUSIV

"Das ist Sprachförderung"

Wer in Deutschland heimisch werden möchte, muss Deutsch sprechen, meint die türkische Autorin Serap Cileli - und sich Fragen gefallen lassen

DEUTSCHPFLICHT AN SCHULEN Essen. Die Integrationsdebatte hat die Schulhöfe erreicht. Britta Heidemann sprach mit der türkischen Autorin Serap Cileli über Sprache und Heimat, Kulturen und Zwänge.

Das Thema Deutschpflicht an Schulen ruft ja sehr vehemente Reaktionen hervor.

Cileli: Die türkischen Verbände sprechen schon von Zwangsdeutsch und betrachten das als einen Kulturkampf, das ärgert mich am meisten. Es geht ja gar nicht darum, dass man jetzt nicht mehr in der Öffentlichkeit Türkisch sprechen darf. An dieser Schule in Berlin ist das eine freiwillige Vereinbarung, auf die die Schüler, Eltern und Lehrer sich geeinigt haben, ich sehe das als eine Sprachförderung für die Jugendlichen. Und ich wäre sogar für eine Deutschpflicht, die vielleicht nicht auf so einem demokratischen Wege zu Stande gekommen ist. Denn die Muttersprache für diese Kinder, für diese dritte oder vierte Generation, ist Deutsch.

Sie befürchten nicht, dass die Kinder die türkische Sprache, die Kultur verlieren könnten?

Cileli: Türkisch sprechen die Kinder automatisch im Elternhaus, auch wenn dies nicht immer das Hochtürkisch ist, weil vielleicht die Eltern selbst nur bis zur fünften Klasse die Schule besucht haben. Sie werden also die türkische Sprache nicht verlernen. Es ist natürlich sehr schön, zweisprachig aufzuwachsen. Ich habe ja selbst drei Kinder, die mit mir Deutsch sprechen und mit ihrem Vater Türkisch.

Was würden Sie als Ihre Muttersprache bezeichnen?

Cileli: Das ist schwierig - ich spreche beide Sprachen. Ich antworte automatisch Deutsch. Als ich angefangen habe, meine Geschichte aufzuschreiben, habe ich dies in der deutschen Sprache getan. Ich liebe aber Türkisch, das ist eine wunderbare Sprache.

Eine, die nur wenige Deutsche bereit sind zu lernen.

Cileli: Das ist auch eine meiner Forderungen. Wichtig wäre dies zumindest für Lehrer, gerade in den so genannten Brennpunktschulen.

Wie ist für Sie das Verhältnis von Sprache und Heimat?

Cileli: Mehr als die Hälfte der türkischen Migranten will hier in Deutschland leben, so die Untersuchungen. Dann erwarte ich auch, dass man Deutschland als Heimat betrachtet. Man sollte sich für dieses Land auch verantwortlich fühlen. Man kann sich nicht immer nur hinstellen und sagen: Ihr diskriminiert uns. Diese Opferrolle, dieses Beleidigtsein, das führt zu gar nichts. Das ist das Gleiche wie bei den Fragebögen.

Sie meinen die Einbürgerungs-Debatte in Baden-Württemberg?

Cileli: Ich kann den ganzen Aufruhr gar nicht verstehen. Ich habe mir das durchgelesen, es gibt ein paar Fragen, die hätte man anders formulieren sollen. Aber ich sehe die Fragebögen als ein positives Zeichen, denn eigentlich geht es hier um die Rechte der Frauen. Die Mehrheit der Fragen beschäftigt sich mit der Gleichberechtigung. In der jüngsten Debatte um Zwangsheirat und Ehrenmorde stellt Baden-Württemberg sich damit auf die Seite der muslimischen Frauen.

Aber bewirkt dies etwas?

Cileli: Das ist eher als ein Signal zu verstehen. Wir dürfen natürlich die Gewalt bei einheimischen Familien nicht unter den Teppich kehren - aber sie geschieht nicht im Namen der Ehre, das hat eine andere Qualität. Wenn eine Tochter vergewaltigt wird, wird ein deutscher Vater nicht sagen: Meine Tochter wurde entehrt, ich muss sie zum Selbstmord zwingen oder sie selbst umbringen, damit ich meine Ehre bereinigen kann. Es findet seit zehn, 15 Jahren eine Re-Islamisierung statt. Der Koran müsste historisiert werden, er ist nicht vereinbar mit unserem Grundgesetz hier und unseren Menschenrechten.

Vielen Gläubigen gilt er aber als konkrete Handlungsanweisung . . .

Cileli: Deswegen kann man ihn nur schwer als Gleichnis lesen, wie die Bibel. In einigen Suren wird Gewalt gegen Frauen befürwortet - auf der anderen Seite verboten. Es gibt viele Widersprüche im Koran, was die Stellung der Frau angeht. Man wird die frauenfeindlichen Suren überdenken müssen und umschreiben.

Es gibt aber doch Frauen, die sagen, sie seien im Islam gleichberechtigt.

Cileli: Nehmen wir mal die Zwangsheiraten junger Mädchen als Beispiel. Manche der strenggläubigen Muslime glauben, das Mindestalter ist 16 Jahre. Aber von Mohammed, der als Vorbild gilt, weiß jeder, dass seine jüngste Frau neun Jahre alt war. Wenn es um männliche Macht geht, dann nutzen Muslime ihre Religion für eigene Zwecke.

Wie könnte Deutschland dem Problem der Zwangsheirat begegnen?

Cileli: Gesetze sind sehr wichtig zum Schutz der Opfer, ebenso wichtig aber wäre ein garantiertes Rückkehrrecht. Die Familien nehmen diesen Mädchen ja die Pässe weg, und weil sie minderjährig sind, haben sie kaum Möglichkeiten, sich selbst zu helfen.


11. Jan. 2006 / Pforzheimer Zeitung

„Die Fragen sind angebracht“

Das PZ- Interview mit Serap Cileli, türkischstämmige Frauenrechtlerin, über den Loyalitätstest für Einbürgerungswillige

 

Gläubige Muslime in Deutschland sind aus Sicht der Schriftstellerin Serap Cileli dann ein Problem, wenn sie den Koran über die Gesetze stellen

Der Gesprächsleitfaden des baden-württembergischen Innenministeriums, mit dem die Verfassungstreue von Einbürgerungswilligen überprüft werden soll, ist nicht nur bei Muslimen auf große Kritik gestoßen. Eine andere Haltung nimmt dagegen die türkischstämmige Frauenrechtlerin Serap Cileli ein. Mit ihr hat sich PZ- Redaktionsmitglied Alexander Albrecht unterhalten.

Pforzheimer Zeitung: Frau Cileli, seit Beginn des Jahres müssen sich einbürgerungswillige Menschen in Baden-Württemberg einem Gesinnungstest unterziehen. Wie finden Sie das?

Serap Cileli: Ich halte den Gesprächsfaden für einen wichtigen Schritt dahin, dass in Deutschland endlich eine Integrationspolitik betrieben wird, mit der man schon vor 50 Jahren hätte beginnen sollen.

PZ: Sie wurden einmal zwangsverheiratet und erhalten bis heute wegen Ihrer Kritik an den Menschenrechten in islamischen Staaten Morddrohungen. Glauben Sie, der Gesprächsleitfaden kann etwas an der Situation von Frauen mit ähnlichen Schicksalen ändern?

Cileli: Nein. Nicht alle Bewerber werden sich sofort an die westliche Werteordnung anpassen. Das zu glauben wäre illusorisch. Es geht darum, die Einbürgerungsbewerber über die Rechte in Deutschland aufzuklären, ihnen unsere Grundordnung näher zu bringen. Das ist das Positive an der Loyalitätsprüfung. Auf die innere Einstellung der Bewerber werden wir dagegen kaum Einfluss haben. Wer die Menschen integrieren möchte, muss eine ordentliche Aufklärungsarbeit leisten. Allein mit einem Fragenkatalog wird sich wenig erreichen lassen.

PZ: Die Fragestellung des Leitfadens richtet sich vornehmlich an Bewerber aus islamischen Staaten. Fühlen Sie sich als Muslima diskriminiert?

Cileli: Eine dogmatische Religionsausübung ist mir immer sehr fremd geblieben. Wichtig ist, dass sich die Gesinnungsprüfung an alle Bewerber gleich welcher Konfession richtet. Während meiner Arbeit habe ich christlich erzogene Mädchen aus Griechenland oder Armenien betreut, die den gleichen Leidensweg hinter sich hatten wie viele muslimische Frauen. Zwangsehen oder Ehrenmorde sind kein muslimisches Problem.

PZ: Politiker und Verbände halten dem baden-württembergischen Innenministerium vor, der Fragenkatalog schüre Misstrauen, sei einseitig und voller Vorurteile. Teilen Sie diese Ansicht?

Cileli: Nein. Was haben die kritischen Stimmen denn unternommen, als muslimische Mädchen von sozialen Aktivitäten abgeschnitten, zwangsverheiratet oder im Namen der Ehre ermordet worden sind? Es ist allerdings in der Tat fragwürdig, wie die Fragen zum Teil formuliert wurden. Deshalb ist eine Überarbeitung des Leitfadens von Vorteil.

PZ: Halten Sie es für notwendig, einen Muslimen, der die deutsche Staatsangehörigkeit annehmen will, über seine Einstellung gegenüber Homosexuellen zu befragen?

Cileli: Natürlich. Leider gibt es auch christlich-orthodoxe Familien, die Homosexualität ablehnen. Insofern muss weltweit noch viel mehr getan werden. Es ist aber nachgewiesen worden, dass in manchen muslimischen Ländern Homosexuelle gesteinigt wurden. Da braucht man gar nicht drum herum reden. Deshalb sind Fragen angebracht.

PZ: Ihre Aussagen dienen konservativen Kreisen als Argumentationshilfe. Wie fühlen Sie sich in dieser Rolle?

Cileli: Ich fühle mich missbraucht. Meine Absicht ist es nicht, eine Religion schlecht darzustellen oder die türkischen Mitbürger in ein schlechtes Licht zu rücken. Ich streite für die Menschenwürde und Menschenrechte. Die Frauen aus meinem Kul-turkreis sollen die gleichen Rechte erhalten wie jene in der westlichen Welt.

PZ: Ist das Grundgesetz mit dem Koran vereinbar?

Cileli: Nein, natürlich nicht. Grundgesetz und Koran können niemals gleichgesetzt werden. Leider gibt es viele Muslime in Deutschland, die den Koran eher als Gesetz annehmen als unsere Verfassung. Das ist äußerst bedenklich.


Das Zitat: „Leider gibt es viele Muslime in Deutschland, die den Koran eher als Gesetz annehmen als unsere Verfassung.“
(Serap Cileli)


10. Jan. 2006 / Die Welt

Wie gefährlich ist der deutsche Staat?

von Thea Dorn

Die politisch-intellektuelle Öffentlichkeit in Deutschland ist besorgt. Warum? Weil das Bundesland Baden-Württemberg einen Katalog mit 30 Fragen eingeführt hat, welche die Beamten in den Einbürgerungsbehörden seit erstem Januar jenen stellen, die deutsche Staatsbürger werden wollen. So sollen die Beamten den Einbürgerungswilligen fragen, ob er es für einen Fortschritt hält, daß Männer und Frauen in Deutschland kraft Gesetz gleichberechtigt sind. Ob er es für zulässig hält, daß ein Mann seine Frau oder seine Tochter einschließt, um zu verhindern, daß sie ihm in der Öffentlichkeit "Schande macht". Ob er denkt, daß Kritik an Religion zulässig ist. Oder was er von der Behauptung hält, die Juden seien für alles Böse in der Welt verantwortlich. Jeder Verein hat das Recht, sich genauer anzuschauen, wie das Weltbild desjenigen aussieht, der bei ihm Mitglied werden will. Warum soll ein Staat dieses Recht nicht haben?

Wann immer in Deutschland der politisch-intellektuelle Besorgnispegel steigt, ist "Titel, Thesen, Temperamente" zur Stelle. So nahm sich das Kulturmagazin der ARD vergangenen Sonntag unter dem Titel "Demokratie-Check für Muslime: Wer darf bei uns Deutscher sein?" des Themas an. Zu Wort kamen der Politik- und Islamwissenschaftler Bassam Tibi, der Schriftsteller Peter Schneider, die Frauenrechtsaktivistin Serap Cileli und die Anwältin Seyran Ates, die zwangsverheiratete Frauen bei Scheidungen vertritt.

Beide Frauen, nicht zuletzt auf deren Initiative hin der Baden-Württembergische Vorstoß geschah, erklärten, daß sie den Frage-Katalog für ein probates Mittel halten, um Probleme wie Frauenunterdrückung, Zwangsverheiratungen und Ehrenmorde besser in den Griff zu bekommen.

 
 

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