20.05.2006
/ Schwabo / Nr. 116
Themen können unter die Haut
gehen
Türkische Frauenrechtlerin
Serap Cileli referiert im Horber Kloster/ Zwischen Tradition und westlicher
Welt
Von Stefanie Langer
Das Leben in den „verschiedenen
Welten“, also Berufswelt und Familie, möchte die Referentin
aufzeigen. So kommen beispielsweise Mädchen in Deutschland bereits
in der Schule an Grenzen. Es besteht zwar Schulpflicht, doch wie sieht
es mit der Sportunterricht aus? Oder muss das Mädchen ab 13 Jahre
ein Kopftuch tragen? Ein weiteres Thema könnte die Zwangsheirat
sein. Gibt es so etwas auch in Horb?
10.05.06
/ Westdeutsche Zeitung
FREMDE NACHBARN
"Türkische Frauen sind
nur Besitz"
Öffentlich prangert Serap
Cileli Zwangsheirat und Ehrenmorde an. Die Nöte muslimischer Frauen
kennt die Deutsch-Türkin aus eigener Erfahrung.
Von Anja Clemens- Smicek
Düsseldorf. Die Richter in
Istanbul griffen hart durch. Sie verurteilten einen Ehemann zu sieben
Jahren Gefängnis, weil er ein 14-jähriges Mädchen gegen
dessen Willen geheiratet hatte. Auch der Vater und die Schwiegermutter
müssen wegen Beihilfe zur Zwangsehe für mehr als drei Jahre
in Haft.
Szenenwechsel: Im Berliner "Ehrenmord"
- Prozess war im April ein 19-jähriger Türke zu neun Jahren
und drei Monaten Jugendhaft verurteilt worden, weil er seine Schwester
im Februar 2005 mit mehreren Schüssen hingerichtet hatte. Seine
beiden älteren Brüder wurden freigesprochen.
"Dieses Urteil war ein schwarzer
Tag für alle muslimischen Frauen", sagt Serap Cileli. Die
Schriftstellerin ist seit Jahren die wohl engagierteste Kämpferin
gegen Zwangsheirat und so genannten Ehrenmord und beobachtet die Entwicklung
in Deutschland mit Sorge.
Das Signal, das mit dem Urteil gegeben wurde, sei verheerend. "Auch
die beiden Brüder und der Vater hätten hinter Gitter gehört",
betont die 40-Jährige. Das Opfer, die 23-jährige Deutsch-Türkin
Hatun Sürücü, war mit seinem kleinen Sohn aus einer Zwangsehe
geflohen und hatte damit die Familienehre verletzt.
"Es gab in dem Verfahren
nicht einen einzigen Experten, der über Ehrenmorde berichtet hätte",
bedauert die Frauenrechtlerin, die in der türkischen Gemeinde in
Deutschland eine "radikale Islamisierung" feststellt. Auch
in Wiesbaden steht derzeit ein 25-Jähriger vor Gericht, weil er
seine Schwester erschossen hat. Die Tat hat er zugegeben, von einem
"Ehrenmord" wollen indes weder er noch seine Anwältin
etwas wissen.
"Türkische Frauen", so sagt Cileli, "werden immer
noch als Menschen zweiter Klasse angesehen, als Besitz." Bestes
Beispiel dafür sei ein Prozessausgang in der Türkei: Vor wenigen
Tagen durfte ein 17-Jähriger ein Gericht als freier Mann verlassen
- obwohl er zugegeben hatte, seine ein Jahr ältere Schwester erdrosselt
zu haben. Ihr Vergehen: Sie war vor ihrem gewalttätigen Ehemann
geflüchtet.
"Frauen sind Trägerinnen
der Familienehre. Und wenn sich eine Türkin mit einem fremden Mann
unterhält, ist die Ehre der Familie schon verletzt", stellt
Cileli nüchtern fest. Die jüngsten Morde sind nach ihrer Einschätzung
nur die Spitze des Eisbergs. "Regelmäßig kommen türkische
Mädchen zu mir und sagen. ,Ich sterbe jeden Tag.` Sie werden von
ihren Familien in Ehen gedrängt, die sie nicht wollen."
Serap Cileli weiß aus eigener
Erfahrung um die Nöte dieser Frauen. Sie selbst war gerade zwölf
Jahre alt, als sie von ihrem Vater an einen Freund der Familie verschachert
werden sollte. Durch einen Selbstmordversuch konnte sie diesem Schicksal
entgehen, nicht aber einer Zwangsverheiratung drei Jahre später.
Erst nach Jahren der Qual gelang
es ihr, sich aus der Ehe mit dem zehn Jahre älteren türkischen
Bauern zu befreien. Längst hat sie sich in Hessen ein neues Leben
aufgebaut, doch vergessen kann sie nicht.
Deshalb hilft sie jungen Migrantinnen,
sich zu emanzipieren. Das geht zuvorderst über die deutsche Sprache.
"Ich zeige ihnen aber auch, wo es Hilfe gibt bei der Polizei, in
Frauenhäusern", sagt die Frauenrechtlerin.
In der muslimischen Gesellschaft
wird Serap Cileli für ihr Engagement gescholten, nicht selten auch
mit dem Tod bedroht, denn sie rechnet schonungslos mit ihresgleichen
ab. "Inzwischen leben die dritte und vierte Generation Türken
in Deutschland, die immer noch nicht angekommen sind", sagt sie.
Das gelte auch für die türkische Elite. "Sie hat die
Islamisierung in Deutschland nicht gebremst."
Den Deutschen gibt sie eine Mitschuld
daran, nichts gegen die Entstehung der Parallelgesellschaft getan zu
haben. Das Problem: Die Deutschen wollten immer die Gutmenschen sein,
liberal und weltoffen. "Wenn wir aber heute den Mädchen in
der Schule das Kopftuch erlauben, werden sie morgen mit der Burka zurückkommen",
wundert sich Cileli nicht über entsprechende Vorkommnisse in einer
Bonner Gesamtschule.
"Wir leben in einem christlich geprägten Land und müssen
uns anpassen." Die gemeinsame Wertebasis müsse das Grundgesetz
sein. Kein Verständnis hat Cileli dafür, dass die Islamische
Föderation in Berlin Islamkunde an Schulen erteilen darf.
Immerhin stehe sie der radikalen
Organisation Milli Görüs nahe. "Das ist genau so, als
würde die NPD das Fach Politik unterrichten." Nur wenn deutsche
Theologen an deutschen Universitäten in Islamkunde ausgebildet
würden, habe der Islam die Chance, sich zu reformieren. Der Schlüssel
zur Integration sind nach Ansicht der Expertin die Kinder, für
die Cileli ab dem dritten Lebensjahr eine Kindergartenpflicht fordert.
Unabdingbar seien auch Ganztagsschulen "um die Kinder so lange
wie möglich von der Familie zu trennen". Das Zuzugsalter,
so Cileli, sollte auf sechs Jahre begrenzt werden. Auf den ersten Blick
möge das hartherzig erscheinen, doch es habe gute Gründe.
"Heute werden viele Kinder kurz vor der Einschulung in die Türkei
auf Prediger-Schulen geschickt. Dort werden sie bis zu ihrem 16. Lebensjahr
infiltriert und kommen dann zurück nach Deutschland."
Die Folgen seien verheerend: "Es
besteht keine Schulpflicht mehr für diese Jugendlichen, sie sprechen
weder richtig türkisch noch deutsch und sind somit die Arbeitslosen
der Zukunft." Der Zug zur Integration sei dann längst abgefahren.
2006
/ Zeitschrift
„Menschenrechte“ / Nr.
1 / S. 32
IGFM: Gegen Zwangsehen und Ehrenmorde
Von Walter Flick
Veranstaltung der IGFM Karlsruhe
mit Serap Cileli und Dr. Hiltrud Schröter
Frau Cileli skizzierte zu Beginn
das Entstehen einer eigenen islamischen Welt in Deutschland mit über
3000 Moscheen, organisierten Pilgerfahrten nach Mekka und sich radikalen
Gruppen zuwenden Jugendlichen. Die religiöse Ausrichtung der Muslime
in Deutschland und Europa nehme zu.
Ostern 2006
/ Nr. 89 / 15. Woche
/ WAZ
„Einen deutschen Islam
schaffen“
Autorin Serap Cileli nennt das Urteil „beschämend“
Die türkischstämmige
Autorin Serap Cileli hat sich selbst aus einer Zwangsheirat in der Türkei
befreit, über ihr Schicksal berichtet sie im Buch „Wir sind
eure Töchter, nicht eure Ehre“. Mit Britta
Heidemann sprach Cileli über das Urteil.
Sie haben den Prozess verfolgt,
das Urteil gespannt erwartet. Ihre erste Reaktion?
Cileli:
Es ist beschämend. Nicht nur die beiden älteren Brüder
hätten ebenfalls verurteilt werden müssen, sondern auch der
Vater. Der Staatsanwalt hat nicht richtig recherchiert, hat das Umfeld
nicht genügend berücksichtigt. Es kann sein, dass das Urteil
juristisch korrekt ist, für die Gesellschaft ist es ein fatales
Zeichen. Deutschland ist noch nicht so weit, anzuerkennen, dass hier
mitten unter uns derartige Morde geschehen.
Immer wieder wenden sich junge
türkischstämmige Mädchen an Sie, die von Zwangsheirat
bedroht sind. Was sagen Sie ihnen?
Cileli:
Ich weiß nicht, wie ich diesen Mädchen jetzt noch guten Gewissens
erklären kann, dass sie hier in Deutschland geschützt werden.
Ich muss auch an die Kronzeugin denken, die ja sehr mutig war - die
türkische Gemeinschaft wird sie nun ausschließen.
Es gibt Stimmen, die sagen, weniger
die Religion denn patriarchale Strukturen spielen bei den Morden im
Namen der Ehre eine Rolle.
Cileli:
Mit der Religion wird die Gewalt gegen Frauen gerechtfertig. Es gibt
Suren im Koran, die Gewalt gegen Frauen zulassen. Die jungen türkischen
Männer lassen sich den Koran individuell von ihren Imamen oder
Hodschas auslegen, wenn sie in einer Konfliktsituation sind. Wir müssen
einen deutschen Islam schaffen, wir müssen unsere Theologen in
Deutschland ausbilden.
Alle Muslime sollten sich auf eine Deutung des Koran einigen, die für
alle gilt.
11.04.2006
/ Odenwälder Echo
Eine Lesung, die viele aufrüttelt
Gesellschaft: Autorin und Frauenrechtlerin Serap Cileli über Zwangsheirat
und Ehrenmorde
BEERFELDEN (e): Wie es ist, als
Türkin in einer stark von den Traditionen geprägten Familie
zu leben – darum ging es in einer Autorenlesung dieser Tage an
der Oberzent-Schule Beerfelden. Dort hatten Schülerinnen und Schüler
der neunten Klassen und ihre Klassenlehrer, ebenso die muslimischen
Schülerinnen der achten und zehnten Klassen Gelegenheit, der im
Odenwaldkreis heimisch gewordenen türkischen Autorin Serap Cileli
zu lauschen und mit ihr zu diskutieren.
Die dreifache Mutter und Frauenrechtlerin ist 2005 für ihr Wirken
mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden. Auch ein Fernsehteam
des Privatsenders Pro 7 war zur Aufzeichnung gekommen, ein Sendetermin
steht allerdings bisher noch nicht fest.
Wie es in einer von Schülern der Oberzent- Schule verfassten Mitteilung
heißt, waren die Zuhörer überrascht, dass es auch in
Deutschland viele Fälle von Zwangsheirat unter türkischen
Familien gibt. Ebenso erstaunte, dass deren Töchter „die
Ehre ihrer Familien verletzen“, wenn sie Geschlechtsverkehr vor
der Ehe haben. Allzu häufig werden diese Mädchen ansonsten
von ihren Vätern verstoßen oder gezwungen, sich das Jungfernhäutchen
wieder zunähen zu lassen. Manche werden sogar umgebracht, um Ehre
und Ansehen der Familie rein und unbefleckt zu halten, berichtete Serap
Cileli. Auf die Hilfe ihrer Mütter können viele dieser jungen
Frauen ebenfalls nicht zählen, weiß die Autorin.
Im Verlauf der mitunter recht heiklen Diskussion im Anschluss an die
Ausführungen der Autorin sprachen vor allem die türkischen
Mädchen engagiert, offen und persönlich betroffen über
Zwangsheirat und Ehrenmord. „Wir wollen unseren Lebensgefährten
kennen- und lieben lernen. Wir wollen erst dann heiraten, wenn wir es
wollen“, fassten sie ihren Widerspruch in Worte.
Und während viele deutsche Schüler sich erschreckt zeigten,
dass solche Zwänge und Verbrechen quasi nebenan geschehen können,
drehte sich die Diskussion bei den jungen Türkinnen auch um die
Frage der persönlichen Freiheit: Meinte eine Schülerin zunächst,
sie genieße die gleichen Freiheiten wie ihre deutschen Freundinnen,
musste sie auf Nachhaken von Serap Cileli zugeben, dass ihre Eltern
bei der Partnerwahl wohl schon auf Glaubensfragen pochen würden.
31.03.2006
/ Südhessen Morgen
Amnesty International über
Frauen- Unterdrückung im Islam
Lampertheim (nik): Serap Cileli
hielt einen Vortrag, der den Zuhörern unter die Haut ging. Sie
referierte über muslimische Frauen und Mädchen im Zwiespalt
zwischen häuslicher Tradition und moderner westlicher Welt.
29.03.2006
/ Lampertheimer Zeitung
Unbehagen, Unverständnis
und Entsetzen
LAMPERTHEIM Es ist ein Thema, das Unbehagen, Unverständnis und
stilles Entsetzen auslöst. Gewalt gegen Frauen - damit befasst
sich derzeit eine Ausstellung der Amnesty-International-Gruppe Bergstraße.
Von Gabriele Gilbers
Hinschauen und handeln, Gewalt verhindern sei das Motto. Bürgermeister
Erich Meier war sich der Bedeutung dieser Ausstellung bewusst, als er
die eröffnenden Worte sprach. Er begrüßte die Initiative
für die Ausstellung. Insbesondere dankte er den Frauenbeauftragten
der Städte Bürstadt, Biblis und Lampertheim. Sie seien die
Ansprechpartnerinnen für Frauen. Meier sprach von einem Problem,
nicht nur der dritten Welt sondern auch bei uns und weltweit.
Mittelpunkt des Abends war ein Vortrag von der Frauenrechtlerin und
Schriftstellerin Serap Cileli, die über das Schicksal muslimischer
Frauen, insbesondere junger Türkinnen in unserem Land, berichtete.
Ihr Engagement für diese Frauen beruht ein Stück weit auf
ihrem eigenen Schicksal.
"Viele Mädchen und Frauen", so sagt sie heute, "stehen
zwischen Unterdrückung und Aufbegehren, insbesondere wenn sie stark
an Traditionen gebunden in unserem Land leben." In ihrem Vortrag
ging Cileli auf die Rolle der Frau im Ehrenkodex der muslimischen Welt
ein. Sie sprach von der strengen Überwachung der Frauen und Mädchen
sowie der Beschmutzung der Ehre, wenn sie nicht als Jungfrauen in die
Ehe gehen. 220 Mädchen und Frauen hat sie betreut. Immer wieder
ist vom Aufbegehren gegen Zwangsheirat und den Gewaltstrukturen zu hören
- dies alles macht sie an konkreten Beispielen aus ihrer Arbeit fest.
"Leider ist es so, dass viele Mädchen und Frauen, die den
Ausbruch aus der Familie aus Angst oder Gehorsamkeit versuchen, wieder
zurückkehren", so Cileli. Viele Frauen würden, wenn sie
die Ehre der Familie verletzt haben, in den Selbstmord getrieben. Für
die seelische und körperliche Gewalt an den Frauen gäbe es
keine religiöse und kulturelle Rechtfertigung. Eine Veränderung
könne nur durch breite öffentliche Aufklärung erreicht
werden.
Cileli forderte daraufhin die Zuhörer auf, nicht nur über
das Gehörte und Gesehene betroffen zu sein, sondern hinzusehen
und zu handeln. Es brauche mehr Schutz für Mädchen und Frauen.
Zudem müsse man Wege suchen, in denen nicht länger die männlichen
Gesellschaftsformen Maßstab seien. Danach schloss sie ihren einmaligen
und persönlichen Vortrag mit den nicht minder beeindruckenden Worten:
"Ich habe gedacht, dass ich schon viel gelitten habe. Doch meine
Arbeit hat mir gezeigt, dass andere viel mehr leiden mussten."
22.03.2006
/ RNZ
"Mord im Namen der Ehre"
Grüne Frauen unterwegs: Zwangsheirat und Integration waren Thema
Von Eva-Maria- Riedel

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21.03.2006
/ WNOZ- Weinheim

Frauenrechte und Integration
waren die Themen, die Buchautorin Serap Cileli (rechts) mit Grünen-Landtagskandidat
Uli Sckerl und Zweitkandidatin Ingrid Dreier erörterte.
Bild: Borgenheimer
Wenn der "Schutz der Familienehre"
bis hin zum Mord reicht
Weinheim. (bk) : Die Frauenrechtlerin,
Buchautorin ("Wir sind Eure Töchter, nicht Eure Ehre")
und Trägerin des Bundesverdienstkreuzes berichtete auf Einladung
der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Frauenpolitik von Bündnis 90/Die
Grünen über ihre Erfahrungen zum Thema "Ehrenmorde".
Serap Cileli (Interview in unserer Montag-Ausgabe) nannte einige bedrückende
statistische Zahlen.
Pro Jahr würden weltweit schätzungsweise 5000 "Ehrenmorde"
verübt. Als "Sühne für Ehrverletzungen" wären
in Deutschland 59 solcher Taten im Zeitraum von 1996 bis Mitte 2005
registriert. Die Dunkelziffer liege jedoch bedeutend höher, so
Serap Cileli. Oft würden die "Ehrenmorde" als Familientragödien
verdeckt, als Selbstmord oder Unfall getarnt. Eine Untersuchung 22 vorgeblicher
Selbstmordfälle in England ergab, dass 18 davon tatsächlich
"Ehrenmorde" waren. Als Mitglied der internationalen Frauenorganisation
"Terre des femmes" unterstützt Serap Cileli die Kampagnen
"Stoppt Zwangsheirat" und "Nein zu Verbrechen im Namen
der Ehre". Ihren Vortrag verknüpfte sie auch mit einem Appell
an die Gesellschaft in Deutschland. "Menschenrechtsverletzungen
dürfen niemals geduldet werden. Toleranz gegenüber anderen
heißt nicht, Menschenrechtsverletzungen zu akzeptieren."
Eine Einsicht, zu der sich auch Grünen-Landtagskandidat Uli Sckerl
bekannte. Die Linke in Deutschland habe über viele Jahre hinweg
die "multikulturelle Gesellschaft" zu sehr idealisiert, räumte
Sckerl ein. Menschenrechte dürften nie zur Disposition stehen.
Zur Verbesserung der rechtlichen Lage sprach sich Sckerl für ein
"eigenständiges Aufenthaltsrecht für Frauen" aus.
Das Grundproblem liege allerdings viel tiefer. "Es geht auch um
das Integrationsversagen der westlichen Gesellschaften in den letzten
20 Jahren." Die Verknüpfung von "Integration fördern"
mit dem Begriff "fordern" sei durchaus legitim. "Aber
das setzt auch voraus, dass es ausreichende Angebote für Menschen
mit Migrationshintergrund gibt", sagte Sckerl. Bislang existierten
lediglich Pilotprojekte, weshalb der Begriff "Fordern" ins
Leere gehe, solange den Betroffenen keine Perspektiven aufgezeigt werden
könnten. Das Ansetzen des "Rotstifts" bei Sprachkursen
und Integrationsprogrammen sei der falsche Weg.
Prinzipiell sei "Integration durch Integrierte" die beste
Lösung, unterstrich Serap Cileli. Integration hänge grundsätzlich
auch mit "Bildung und Arbeit" zusammen. Doch dafür bedürfe
es eben auch einer gewissen finanziellen Ausstattung und des "politischen
Willens", betonte die engagierte Frauenrechtlerin.
20.03.2006
/ WNOZ- Weinheim
"Ich konnte meinem Vater
vor Angst nicht in die Augen schauen"
IM GESPRÄCH: Frauenrechtlerin
und Autorin Serap Cileli über die Flucht aus der Zwangsehe
Weinheim.(chr) "Zwangsverheiratung ist Vergewaltigung auf Lebensdauer"
schreibt Serap Cileli aus eigener Erfahrung auf ihrer Homepage.
Vor diesem Hintergrund setzt Cileli
bei ihren Vorträgen ein Zeichen gegen häusliche Gewalt. Am
Samstag referierte sie im Café Central auf Einladung der Grünen
zum Thema "Fremd in Deutschland - die Mühen der Integration".
Unsere Zeitung unterhielt sich mit der türkischen Frauenrechtlerin
und Autorin über ihre Erziehung, den Bruch mit der Familie und
die Botschaft ihrer Öffentlichkeitsarbeit.
Die Freiheit spielt in Ihrem Buch
sowie Ihren Gedichten eine zentrale Rolle. Wie definieren Sie diese?
CILELI:
Freiheit fällt einem nicht aus heiterem Himmel in den Schoß.
Auch ich musste um sie kämpfen und habe dafür einen hohen
Preis zahlen müssen. Umso mehr schätze ich sie aber auch.
Freiheit bedeutet als Individuum akzeptiert zu werden, mich selbst entfalten
und das machen zu können, was ich will. Freiheit steht außerdem
für das Recht auf Leben und nicht für Ehrenmorde. Diese Freiheit
möchte ich mit allen Frauen teilen, die von ihren Männern
versklavt werden.
Bei Ihren Vorträgen sprechen
Sie über die Entmachtung und Ausbeutung türkisch-moslemischer
Mädchen und Frauen. An welche Zielgruppe richten Sie sich?
CILELI:
Ich wende mich an Betroffene, die deutschen Politiker, die türkische
Gesellschaft und alle helfenden Institutionen wie Polizei, Jugendamt
und Frauenhäuser. Denn im Rahmen meiner Arbeit bekomme ich häufig
mit, dass die Ängste der Frauen nicht ernst genommen werden. Man
ist nicht aufgeklärt, weiß nichts über die kulturellen
Hintergründe. Seit zwei Jahren stelle ich vermehrt fest, dass Hilfe
suchende Mädchen von türkischen Sozialarbeiterinnen oder Ausländerbeauftragten
massiv unter Druck gesetzt werden.
Wie äußert sich dieses
Verhalten?
CILELI:
Anstatt die Frauen zu schützen, arbeiten die Beamten systematisch
gegen sie. Sie predigen den türkischen Ehrenkodex und reden den
Türkinnen so ein, die Familienehre befleckt zu haben. Di e Frauen
werden regelrecht dazu aufgefordert, wieder zur Familie zurückzukehren.
Gegen dieses alarmierende Verhalten möchte ich öffentlich
vorgehen.
Sie nehmen kein Blatt vor den Mund. Das passt sicher nicht jedem. Werden
Sie bedroht?
CILELI:
Von einer türkischen Zeitung wurde ich drei Monate lang in Form
von unfairer Berichterstattung bedroht. Sehr konservative und religiöse
Türken sind daher eine Zeit lang provokativ zu meinen Vorträgen
erschienen oder schickten mir E-Mails, um mich einzuschüchtern.
Aber auch schon vorher musste ich meine Lesungen teilweise unter Polizeischutz
halten. Für die in Deutschland lebende türkische Gesellschaft
bin ich ein rotes Tuch.
15.03.2006 /
Rüsselsheimer Echo
„Integration hat nicht stattgefunden“
Frauen im Islam: Serap Cileli
kämpft gegen Benachteiligung – Vortrag in Stadthalle
Rüsselsheim (sura): Serap
Cileli, die sich zur Aufgabe gemacht hat, geschlechtsspezifische Ungerechtigkeiten
zu bekämpfen, hat diese am eigenen Leib erlebt. Für sie ist
Zwangsehe eine lebenslange Vergewaltigung. Mit Lesungen und der Arbeit
an Schulen leistet sie Aufklärungsarbeit und kann vielen Mädchen,
Frauen und auch jungen Männern helfen. Die Kreis-Frauenunion der
CDU hatte die Autorin, die im vergangenen Jahr mit dem Bundesverdienstkreuz
ausgezeichnet wurde, für Montagabend zu einem Vortrag in die Stadthalle
eingeladen.
Oft sei sie enttäuscht, da
ihre Arbeit bei türkischen Jugendlichen, die bereits in dritter
und vierter Generation in Deutschland leben, auf Unverständnis
stoße, sagte Cileli. Integration habe nicht stattgefunden, der
Ehrbegriff werde von Generation zu Generation unverändert weitergegeben.
Zwischen 1996 und 2005 seien 59 Ehrenmorde in Deutschland begangen worden.
Die Dunkelziffer sei weit höher, da die Morde oft nicht als solche
erkannt und als Familienstreitigkeiten abgetan werden.
Angeblich gebe es in der Türkei keine Strafminderung für Ehrenmorde,
doch Beispiele zeigten, dass die Praxis anders aussehe. Häufig,
so berichtet Cileli, sei der Grund für eine angebliche Entehrung
die Eheschließung mit einem christlichen Partner. Besonders schlimm
sei der Verlust der Jungfräulichkeit vor der Ehe. Daher komme es
vor, dass Frauen durch einen gynäkologischen Eingriff ihre Jungfräulichkeit
wieder herstellen lassen. Der Eingriff kostet 500 bis 1500 Euro. Ähnlich
einer Mitgift sei es mittlerweile Voraussetzung, dass türkische
Mädchen durch ein Zertifikat den künftigen Schwiegereltern
ihre Jungfräulichkeit bescheinigen.
Ehrenmorde sind charakteristisch für archaisch organisierte Gesellschaften.
Nicht ausschließlich, aber vermehrt, kommen sie in muslimischen
Gesellschaften vor und richten sich fast ausnahmslos gegen Frauen. Der
Koran, so Cileli, habe strenge Regeln in Bezug auf die Sittsamkeit der
Frau. Ehrenmorde würden meist von männlichen Verwandten ausgeübt.
Oft sind dies Minderjährige, da diese Strafmilderung aufgrund ihres
Alters erhalten. Auch Frauen können Täter und Mittäter
sein, indem sie Tätern moralischen Rückhalt und ein Alibi
geben. Meist wird der Täter als Held gefeiert, da er die Ehre der
Familie wieder hergestellt hat.
Es seien Migrantinnen, die mittelalterliches Gedankengut aufrechterhalten
und behaupten, solche Fälle seien nur Ausnahmen. Die Autorin berichtete,
sie habe sich sogar sagen lassen müssen, dass es integrationshemmend
sei, wenn sie mit Themen wie Zwangsverheiratung an die Öffentlichkeit
ginge.
Eine Zuhörerin berichtete, sie habe bei einem Urlaub in Istanbul
viele Frauen gesehen, die sehr offen wirkten. Cileli erklärte jedoch,
diese Offenheit sei nur kosmetisch. Istanbul sei auch nur ein großes
Dorf und bei einem Blick hinter die Fassaden werde deutlich, dass auch
dort die Frauen unterdrückt würden. Sie kritisierte, dass
all diese Themen in Deutschland noch bis vor kurzem tabu waren. Es müsse
noch viel getan, viel Aufklärungsarbeit geleistet werden.
09.03. 2006
/ Heilbronner Stimme /
Märkische Allgemeine
"Wir sind nicht eure Ehre"
Türkischstämmige Frauen in Deutschland leiden unter familiärer
Gewalt
Von Detlef Drewes
BRÜSSEL Mit brutaler Gewalt
fesselt der Mann seine Tochter ans Bett. Es ist früher Morgen,
irgendwann im Jahr 2003. Er ignoriert ihre Schreie, übergießt
sie mit Benzin und zündet das Mädchen an. 45 Minuten lang
sieht er zu, wie seine Tochter den Flammen wehrlos ausgeliefert ist,
erst dann treffen Polizei und Rettungskräfte ein. 60 Prozent der
Hautoberfläche sind verbrannt. Aber sie überlebt. Das Mädchen
hatte sich gegen die vom Vater beschlossene Zwangsheirat gewehrt. Es
ist zu diesem Zeitpunkt zwölf Jahre alt.
"Ehrenmorde sind ein Teil
des Martyriums, das türkischstämmige Frauen nicht nur in ihrer
Heimat, sondern auch hier in Deutschland erleben", sagt Serap Cileli,
40 Jahre, Mutter von drei Kindern, die seit Jahren hier lebt, nachdem
sie selbst zwei Mal zwangsverheiratet wurde und dann fliehen konnte.
Inzwischen ist sie mit dem Mann verheiratet, den sie liebt und selbst
gewählt hat. "Wenn sich Frauen von ihren traditionell geprägten,
patriarchalischen Männern emanzipieren, glauben die, die Familienehre
retten zu müssen." So wie der 55-jährige Türke,
der vor zwei Jahren auf offener Straße seine 16-jährige Tochter
mit einem Messer regelrecht abschlachtet, nachdem er sie am Rande einer
Raver- Party ausfindig gemacht hatte. "Natürlich habe ich
meine Tochter geliebt", sagt er nach der Tat. "Wie sollte
ich ihr sonst in den Bauch stechen?"
"Wir sind eure Töchter,
nicht eure Ehre" hat Cileli ihr Buch genannt, in dem sie eigentlich
nur ihre eigene Geschichte aufarbeiten wollte. Inzwischen ist es zu
einem Geheimtipp unter den Frauen mit Immigrationshintergrund geworden.
Mehr als 200 haben sich seit dem Erscheinen Hilfe suchend an die Autorin
gewandt. Dazu noch einige Jungen, die ebenfalls bedroht werden. "Natürlich
sind viel mehr betroffen", sagt Cileli.
Nach Angaben der bayerischen Sozialministerin
Christa Stewens leben rund 800 000 türkischstämmige Frauen
in Deutschland.
Und viele erleben, was Cileli mit den Worten umschreibt: "Es ist
die ganze Spirale der Gewalt, von Prügel über offene Misshandlungen
bis hin zu Inzest, Kindesmissbrauch und Zwangsehe."
Dennoch dürfe nicht der Eindruck entstehen, dass in jeder türkischen
oder islamischen Ehe "nur geprügelt wird", sagt Cileli.
"Aber es ist falsch, alles nur als Einzelfall abzustempeln."
Die Europäische Kommission
fördert solche Projekte. Vladimir Spidla ist dafür in Brüssel
zuständig: "In erster Linie wollen wir die Frauen ausbilden,
um ihr Selbstwertgefühl zu steigern. Die islamische Welt ist durchaus
für Frauen offen." Bei seiner Türkei-Reise, die erst
in dieser Woche zu Ende ging, habe er gemerkt, dass "türkische
Frauen sehr viel besser in der Männerwelt ihrer Heimat Karriere
machen können, als bei uns." Die Zahl der Türkinnen,
die zwischen Ankara und Istanbul eine leitende Position innehaben, ist
höher als in jedem anderen EU-Land. Allerdings ist auch die Kluft
zwischen der weiblichen Elite und der Situation der Frauen, die außerhalb
der Städte wohnen, nirgends krasser.
Serap Cileli arbeitet inzwischen
in Deutschland als Ansprechpartnerin, sie vermittelt Hilfe, berät
und unterstützt. Und sie hat dabei vor allem einen Wunsch: "Der
Internationale Frauentag am 8. März soll endlich ein Feiertag sein
können. Für uns türkischstämmige Frauen ist er bisher
ein Trauertag."