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20.05.2006 / Schwabo / Nr. 116

Themen können unter die Haut gehen

Türkische Frauenrechtlerin Serap Cileli referiert im Horber Kloster/ Zwischen Tradition und westlicher Welt

Von Stefanie Langer

Das Leben in den „verschiedenen Welten“, also Berufswelt und Familie, möchte die Referentin aufzeigen. So kommen beispielsweise Mädchen in Deutschland bereits in der Schule an Grenzen. Es besteht zwar Schulpflicht, doch wie sieht es mit der Sportunterricht aus? Oder muss das Mädchen ab 13 Jahre ein Kopftuch tragen? Ein weiteres Thema könnte die Zwangsheirat sein. Gibt es so etwas auch in Horb?


10.05.06 / Westdeutsche Zeitung

FREMDE NACHBARN

"Türkische Frauen sind nur Besitz"

Öffentlich prangert Serap Cileli Zwangsheirat und Ehrenmorde an. Die Nöte muslimischer Frauen kennt die Deutsch-Türkin aus eigener Erfahrung.

Von Anja Clemens- Smicek

Düsseldorf. Die Richter in Istanbul griffen hart durch. Sie verurteilten einen Ehemann zu sieben Jahren Gefängnis, weil er ein 14-jähriges Mädchen gegen dessen Willen geheiratet hatte. Auch der Vater und die Schwiegermutter müssen wegen Beihilfe zur Zwangsehe für mehr als drei Jahre in Haft.

Szenenwechsel: Im Berliner "Ehrenmord" - Prozess war im April ein 19-jähriger Türke zu neun Jahren und drei Monaten Jugendhaft verurteilt worden, weil er seine Schwester im Februar 2005 mit mehreren Schüssen hingerichtet hatte. Seine beiden älteren Brüder wurden freigesprochen.

"Dieses Urteil war ein schwarzer Tag für alle muslimischen Frauen", sagt Serap Cileli. Die Schriftstellerin ist seit Jahren die wohl engagierteste Kämpferin gegen Zwangsheirat und so genannten Ehrenmord und beobachtet die Entwicklung in Deutschland mit Sorge.
Das Signal, das mit dem Urteil gegeben wurde, sei verheerend. "Auch die beiden Brüder und der Vater hätten hinter Gitter gehört", betont die 40-Jährige. Das Opfer, die 23-jährige Deutsch-Türkin Hatun Sürücü, war mit seinem kleinen Sohn aus einer Zwangsehe geflohen und hatte damit die Familienehre verletzt.

"Es gab in dem Verfahren nicht einen einzigen Experten, der über Ehrenmorde berichtet hätte", bedauert die Frauenrechtlerin, die in der türkischen Gemeinde in Deutschland eine "radikale Islamisierung" feststellt. Auch in Wiesbaden steht derzeit ein 25-Jähriger vor Gericht, weil er seine Schwester erschossen hat. Die Tat hat er zugegeben, von einem "Ehrenmord" wollen indes weder er noch seine Anwältin etwas wissen.
"Türkische Frauen", so sagt Cileli, "werden immer noch als Menschen zweiter Klasse angesehen, als Besitz." Bestes Beispiel dafür sei ein Prozessausgang in der Türkei: Vor wenigen Tagen durfte ein 17-Jähriger ein Gericht als freier Mann verlassen - obwohl er zugegeben hatte, seine ein Jahr ältere Schwester erdrosselt zu haben. Ihr Vergehen: Sie war vor ihrem gewalttätigen Ehemann geflüchtet.

"Frauen sind Trägerinnen der Familienehre. Und wenn sich eine Türkin mit einem fremden Mann unterhält, ist die Ehre der Familie schon verletzt", stellt Cileli nüchtern fest. Die jüngsten Morde sind nach ihrer Einschätzung nur die Spitze des Eisbergs. "Regelmäßig kommen türkische Mädchen zu mir und sagen. ,Ich sterbe jeden Tag.` Sie werden von ihren Familien in Ehen gedrängt, die sie nicht wollen."

Serap Cileli weiß aus eigener Erfahrung um die Nöte dieser Frauen. Sie selbst war gerade zwölf Jahre alt, als sie von ihrem Vater an einen Freund der Familie verschachert werden sollte. Durch einen Selbstmordversuch konnte sie diesem Schicksal entgehen, nicht aber einer Zwangsverheiratung drei Jahre später.

Erst nach Jahren der Qual gelang es ihr, sich aus der Ehe mit dem zehn Jahre älteren türkischen Bauern zu befreien. Längst hat sie sich in Hessen ein neues Leben aufgebaut, doch vergessen kann sie nicht.

Deshalb hilft sie jungen Migrantinnen, sich zu emanzipieren. Das geht zuvorderst über die deutsche Sprache. "Ich zeige ihnen aber auch, wo es Hilfe gibt bei der Polizei, in Frauenhäusern", sagt die Frauenrechtlerin.

In der muslimischen Gesellschaft wird Serap Cileli für ihr Engagement gescholten, nicht selten auch mit dem Tod bedroht, denn sie rechnet schonungslos mit ihresgleichen ab. "Inzwischen leben die dritte und vierte Generation Türken in Deutschland, die immer noch nicht angekommen sind", sagt sie. Das gelte auch für die türkische Elite. "Sie hat die Islamisierung in Deutschland nicht gebremst."

Den Deutschen gibt sie eine Mitschuld daran, nichts gegen die Entstehung der Parallelgesellschaft getan zu haben. Das Problem: Die Deutschen wollten immer die Gutmenschen sein, liberal und weltoffen. "Wenn wir aber heute den Mädchen in der Schule das Kopftuch erlauben, werden sie morgen mit der Burka zurückkommen", wundert sich Cileli nicht über entsprechende Vorkommnisse in einer Bonner Gesamtschule.
"Wir leben in einem christlich geprägten Land und müssen uns anpassen." Die gemeinsame Wertebasis müsse das Grundgesetz sein. Kein Verständnis hat Cileli dafür, dass die Islamische Föderation in Berlin Islamkunde an Schulen erteilen darf.

Immerhin stehe sie der radikalen Organisation Milli Görüs nahe. "Das ist genau so, als würde die NPD das Fach Politik unterrichten." Nur wenn deutsche Theologen an deutschen Universitäten in Islamkunde ausgebildet würden, habe der Islam die Chance, sich zu reformieren. Der Schlüssel zur Integration sind nach Ansicht der Expertin die Kinder, für die Cileli ab dem dritten Lebensjahr eine Kindergartenpflicht fordert.
Unabdingbar seien auch Ganztagsschulen "um die Kinder so lange wie möglich von der Familie zu trennen". Das Zuzugsalter, so Cileli, sollte auf sechs Jahre begrenzt werden. Auf den ersten Blick möge das hartherzig erscheinen, doch es habe gute Gründe.
"Heute werden viele Kinder kurz vor der Einschulung in die Türkei auf Prediger-Schulen geschickt. Dort werden sie bis zu ihrem 16. Lebensjahr infiltriert und kommen dann zurück nach Deutschland."

Die Folgen seien verheerend: "Es besteht keine Schulpflicht mehr für diese Jugendlichen, sie sprechen weder richtig türkisch noch deutsch und sind somit die Arbeitslosen der Zukunft." Der Zug zur Integration sei dann längst abgefahren.


2006 / Zeitschrift „Menschenrechte“ / Nr. 1 / S. 32

IGFM: Gegen Zwangsehen und Ehrenmorde

Von Walter Flick

Veranstaltung der IGFM Karlsruhe mit Serap Cileli und Dr. Hiltrud Schröter

Frau Cileli skizzierte zu Beginn das Entstehen einer eigenen islamischen Welt in Deutschland mit über 3000 Moscheen, organisierten Pilgerfahrten nach Mekka und sich radikalen Gruppen zuwenden Jugendlichen. Die religiöse Ausrichtung der Muslime in Deutschland und Europa nehme zu.


Ostern 2006 / Nr. 89 / 15. Woche / WAZ

„Einen deutschen Islam schaffen“
Autorin Serap Cileli nennt das Urteil „beschämend“

Die türkischstämmige Autorin Serap Cileli hat sich selbst aus einer Zwangsheirat in der Türkei befreit, über ihr Schicksal berichtet sie im Buch „Wir sind eure Töchter, nicht eure Ehre“. Mit Britta Heidemann sprach Cileli über das Urteil.

Sie haben den Prozess verfolgt, das Urteil gespannt erwartet. Ihre erste Reaktion?

Cileli: Es ist beschämend. Nicht nur die beiden älteren Brüder hätten ebenfalls verurteilt werden müssen, sondern auch der Vater. Der Staatsanwalt hat nicht richtig recherchiert, hat das Umfeld nicht genügend berücksichtigt. Es kann sein, dass das Urteil juristisch korrekt ist, für die Gesellschaft ist es ein fatales Zeichen. Deutschland ist noch nicht so weit, anzuerkennen, dass hier mitten unter uns derartige Morde geschehen.

Immer wieder wenden sich junge türkischstämmige Mädchen an Sie, die von Zwangsheirat bedroht sind. Was sagen Sie ihnen?

Cileli: Ich weiß nicht, wie ich diesen Mädchen jetzt noch guten Gewissens erklären kann, dass sie hier in Deutschland geschützt werden. Ich muss auch an die Kronzeugin denken, die ja sehr mutig war - die türkische Gemeinschaft wird sie nun ausschließen.

Es gibt Stimmen, die sagen, weniger die Religion denn patriarchale Strukturen spielen bei den Morden im Namen der Ehre eine Rolle.

Cileli: Mit der Religion wird die Gewalt gegen Frauen gerechtfertig. Es gibt Suren im Koran, die Gewalt gegen Frauen zulassen. Die jungen türkischen Männer lassen sich den Koran individuell von ihren Imamen oder Hodschas auslegen, wenn sie in einer Konfliktsituation sind. Wir müssen einen deutschen Islam schaffen, wir müssen unsere Theologen in Deutschland ausbilden.
Alle Muslime sollten sich auf eine Deutung des Koran einigen, die für alle gilt.


11.04.2006 / Odenwälder Echo

Eine Lesung, die viele aufrüttelt
Gesellschaft: Autorin und Frauenrechtlerin Serap Cileli über Zwangsheirat und Ehrenmorde

BEERFELDEN (e): Wie es ist, als Türkin in einer stark von den Traditionen geprägten Familie zu leben – darum ging es in einer Autorenlesung dieser Tage an der Oberzent-Schule Beerfelden. Dort hatten Schülerinnen und Schüler der neunten Klassen und ihre Klassenlehrer, ebenso die muslimischen Schülerinnen der achten und zehnten Klassen Gelegenheit, der im Odenwaldkreis heimisch gewordenen türkischen Autorin Serap Cileli zu lauschen und mit ihr zu diskutieren.
Die dreifache Mutter und Frauenrechtlerin ist 2005 für ihr Wirken mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden. Auch ein Fernsehteam des Privatsenders Pro 7 war zur Aufzeichnung gekommen, ein Sendetermin steht allerdings bisher noch nicht fest.
Wie es in einer von Schülern der Oberzent- Schule verfassten Mitteilung heißt, waren die Zuhörer überrascht, dass es auch in Deutschland viele Fälle von Zwangsheirat unter türkischen Familien gibt. Ebenso erstaunte, dass deren Töchter „die Ehre ihrer Familien verletzen“, wenn sie Geschlechtsverkehr vor der Ehe haben. Allzu häufig werden diese Mädchen ansonsten von ihren Vätern verstoßen oder gezwungen, sich das Jungfernhäutchen wieder zunähen zu lassen. Manche werden sogar umgebracht, um Ehre und Ansehen der Familie rein und unbefleckt zu halten, berichtete Serap Cileli. Auf die Hilfe ihrer Mütter können viele dieser jungen Frauen ebenfalls nicht zählen, weiß die Autorin.
Im Verlauf der mitunter recht heiklen Diskussion im Anschluss an die Ausführungen der Autorin sprachen vor allem die türkischen Mädchen engagiert, offen und persönlich betroffen über Zwangsheirat und Ehrenmord. „Wir wollen unseren Lebensgefährten kennen- und lieben lernen. Wir wollen erst dann heiraten, wenn wir es wollen“, fassten sie ihren Widerspruch in Worte.
Und während viele deutsche Schüler sich erschreckt zeigten, dass solche Zwänge und Verbrechen quasi nebenan geschehen können, drehte sich die Diskussion bei den jungen Türkinnen auch um die Frage der persönlichen Freiheit: Meinte eine Schülerin zunächst, sie genieße die gleichen Freiheiten wie ihre deutschen Freundinnen, musste sie auf Nachhaken von Serap Cileli zugeben, dass ihre Eltern bei der Partnerwahl wohl schon auf Glaubensfragen pochen würden.


31.03.2006 / Südhessen Morgen

Amnesty International über Frauen- Unterdrückung im Islam

Lampertheim (nik): Serap Cileli hielt einen Vortrag, der den Zuhörern unter die Haut ging. Sie referierte über muslimische Frauen und Mädchen im Zwiespalt zwischen häuslicher Tradition und moderner westlicher Welt.


29.03.2006 / Lampertheimer Zeitung

Unbehagen, Unverständnis und Entsetzen
LAMPERTHEIM Es ist ein Thema, das Unbehagen, Unverständnis und stilles Entsetzen auslöst. Gewalt gegen Frauen - damit befasst sich derzeit eine Ausstellung der Amnesty-International-Gruppe Bergstraße.

Von Gabriele Gilbers
Hinschauen und handeln, Gewalt verhindern sei das Motto. Bürgermeister Erich Meier war sich der Bedeutung dieser Ausstellung bewusst, als er die eröffnenden Worte sprach. Er begrüßte die Initiative für die Ausstellung. Insbesondere dankte er den Frauenbeauftragten der Städte Bürstadt, Biblis und Lampertheim. Sie seien die Ansprechpartnerinnen für Frauen. Meier sprach von einem Problem, nicht nur der dritten Welt sondern auch bei uns und weltweit.
Mittelpunkt des Abends war ein Vortrag von der Frauenrechtlerin und Schriftstellerin Serap Cileli, die über das Schicksal muslimischer Frauen, insbesondere junger Türkinnen in unserem Land, berichtete. Ihr Engagement für diese Frauen beruht ein Stück weit auf ihrem eigenen Schicksal.
"Viele Mädchen und Frauen", so sagt sie heute, "stehen zwischen Unterdrückung und Aufbegehren, insbesondere wenn sie stark an Traditionen gebunden in unserem Land leben." In ihrem Vortrag ging Cileli auf die Rolle der Frau im Ehrenkodex der muslimischen Welt ein. Sie sprach von der strengen Überwachung der Frauen und Mädchen sowie der Beschmutzung der Ehre, wenn sie nicht als Jungfrauen in die Ehe gehen. 220 Mädchen und Frauen hat sie betreut. Immer wieder ist vom Aufbegehren gegen Zwangsheirat und den Gewaltstrukturen zu hören - dies alles macht sie an konkreten Beispielen aus ihrer Arbeit fest. "Leider ist es so, dass viele Mädchen und Frauen, die den Ausbruch aus der Familie aus Angst oder Gehorsamkeit versuchen, wieder zurückkehren", so Cileli. Viele Frauen würden, wenn sie die Ehre der Familie verletzt haben, in den Selbstmord getrieben. Für die seelische und körperliche Gewalt an den Frauen gäbe es keine religiöse und kulturelle Rechtfertigung. Eine Veränderung könne nur durch breite öffentliche Aufklärung erreicht werden.
Cileli forderte daraufhin die Zuhörer auf, nicht nur über das Gehörte und Gesehene betroffen zu sein, sondern hinzusehen und zu handeln. Es brauche mehr Schutz für Mädchen und Frauen. Zudem müsse man Wege suchen, in denen nicht länger die männlichen Gesellschaftsformen Maßstab seien. Danach schloss sie ihren einmaligen und persönlichen Vortrag mit den nicht minder beeindruckenden Worten: "Ich habe gedacht, dass ich schon viel gelitten habe. Doch meine Arbeit hat mir gezeigt, dass andere viel mehr leiden mussten."


22.03.2006 / RNZ

"Mord im Namen der Ehre"
Grüne Frauen unterwegs: Zwangsheirat und Integration waren Thema
Von Eva-Maria- Riedel

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21.03.2006 / WNOZ- Weinheim

 

Frauenrechte und Integration waren die Themen, die Buchautorin Serap Cileli (rechts) mit Grünen-Landtagskandidat Uli Sckerl und Zweitkandidatin Ingrid Dreier erörterte.
Bild: Borgenheimer

 

Wenn der "Schutz der Familienehre" bis hin zum Mord reicht

Weinheim. (bk) : Die Frauenrechtlerin, Buchautorin ("Wir sind Eure Töchter, nicht Eure Ehre") und Trägerin des Bundesverdienstkreuzes berichtete auf Einladung der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Frauenpolitik von Bündnis 90/Die Grünen über ihre Erfahrungen zum Thema "Ehrenmorde". Serap Cileli (Interview in unserer Montag-Ausgabe) nannte einige bedrückende statistische Zahlen.
Pro Jahr würden weltweit schätzungsweise 5000 "Ehrenmorde" verübt. Als "Sühne für Ehrverletzungen" wären in Deutschland 59 solcher Taten im Zeitraum von 1996 bis Mitte 2005 registriert. Die Dunkelziffer liege jedoch bedeutend höher, so Serap Cileli. Oft würden die "Ehrenmorde" als Familientragödien verdeckt, als Selbstmord oder Unfall getarnt. Eine Untersuchung 22 vorgeblicher Selbstmordfälle in England ergab, dass 18 davon tatsächlich "Ehrenmorde" waren. Als Mitglied der internationalen Frauenorganisation "Terre des femmes" unterstützt Serap Cileli die Kampagnen "Stoppt Zwangsheirat" und "Nein zu Verbrechen im Namen der Ehre". Ihren Vortrag verknüpfte sie auch mit einem Appell an die Gesellschaft in Deutschland. "Menschenrechtsverletzungen dürfen niemals geduldet werden. Toleranz gegenüber anderen heißt nicht, Menschenrechtsverletzungen zu akzeptieren."
Eine Einsicht, zu der sich auch Grünen-Landtagskandidat Uli Sckerl bekannte. Die Linke in Deutschland habe über viele Jahre hinweg die "multikulturelle Gesellschaft" zu sehr idealisiert, räumte Sckerl ein. Menschenrechte dürften nie zur Disposition stehen. Zur Verbesserung der rechtlichen Lage sprach sich Sckerl für ein "eigenständiges Aufenthaltsrecht für Frauen" aus. Das Grundproblem liege allerdings viel tiefer. "Es geht auch um das Integrationsversagen der westlichen Gesellschaften in den letzten 20 Jahren." Die Verknüpfung von "Integration fördern" mit dem Begriff "fordern" sei durchaus legitim. "Aber das setzt auch voraus, dass es ausreichende Angebote für Menschen mit Migrationshintergrund gibt", sagte Sckerl. Bislang existierten lediglich Pilotprojekte, weshalb der Begriff "Fordern" ins Leere gehe, solange den Betroffenen keine Perspektiven aufgezeigt werden könnten. Das Ansetzen des "Rotstifts" bei Sprachkursen und Integrationsprogrammen sei der falsche Weg.
Prinzipiell sei "Integration durch Integrierte" die beste Lösung, unterstrich Serap Cileli. Integration hänge grundsätzlich auch mit "Bildung und Arbeit" zusammen. Doch dafür bedürfe es eben auch einer gewissen finanziellen Ausstattung und des "politischen Willens", betonte die engagierte Frauenrechtlerin.


20.03.2006 / WNOZ- Weinheim

"Ich konnte meinem Vater vor Angst nicht in die Augen schauen"

IM GESPRÄCH: Frauenrechtlerin und Autorin Serap Cileli über die Flucht aus der Zwangsehe
Weinheim.(chr) "Zwangsverheiratung ist Vergewaltigung auf Lebensdauer" schreibt Serap Cileli aus eigener Erfahrung auf ihrer Homepage.

Vor diesem Hintergrund setzt Cileli bei ihren Vorträgen ein Zeichen gegen häusliche Gewalt. Am Samstag referierte sie im Café Central auf Einladung der Grünen zum Thema "Fremd in Deutschland - die Mühen der Integration". Unsere Zeitung unterhielt sich mit der türkischen Frauenrechtlerin und Autorin über ihre Erziehung, den Bruch mit der Familie und die Botschaft ihrer Öffentlichkeitsarbeit.

Die Freiheit spielt in Ihrem Buch sowie Ihren Gedichten eine zentrale Rolle. Wie definieren Sie diese?

CILELI: Freiheit fällt einem nicht aus heiterem Himmel in den Schoß. Auch ich musste um sie kämpfen und habe dafür einen hohen Preis zahlen müssen. Umso mehr schätze ich sie aber auch. Freiheit bedeutet als Individuum akzeptiert zu werden, mich selbst entfalten und das machen zu können, was ich will. Freiheit steht außerdem für das Recht auf Leben und nicht für Ehrenmorde. Diese Freiheit möchte ich mit allen Frauen teilen, die von ihren Männern versklavt werden.

Bei Ihren Vorträgen sprechen Sie über die Entmachtung und Ausbeutung türkisch-moslemischer Mädchen und Frauen. An welche Zielgruppe richten Sie sich?

CILELI: Ich wende mich an Betroffene, die deutschen Politiker, die türkische Gesellschaft und alle helfenden Institutionen wie Polizei, Jugendamt und Frauenhäuser. Denn im Rahmen meiner Arbeit bekomme ich häufig mit, dass die Ängste der Frauen nicht ernst genommen werden. Man ist nicht aufgeklärt, weiß nichts über die kulturellen Hintergründe. Seit zwei Jahren stelle ich vermehrt fest, dass Hilfe suchende Mädchen von türkischen Sozialarbeiterinnen oder Ausländerbeauftragten massiv unter Druck gesetzt werden.

Wie äußert sich dieses Verhalten?

CILELI: Anstatt die Frauen zu schützen, arbeiten die Beamten systematisch gegen sie. Sie predigen den türkischen Ehrenkodex und reden den Türkinnen so ein, die Familienehre befleckt zu haben. Di e Frauen werden regelrecht dazu aufgefordert, wieder zur Familie zurückzukehren. Gegen dieses alarmierende Verhalten möchte ich öffentlich vorgehen.
Sie nehmen kein Blatt vor den Mund. Das passt sicher nicht jedem. Werden Sie bedroht?

CILELI: Von einer türkischen Zeitung wurde ich drei Monate lang in Form von unfairer Berichterstattung bedroht. Sehr konservative und religiöse Türken sind daher eine Zeit lang provokativ zu meinen Vorträgen erschienen oder schickten mir E-Mails, um mich einzuschüchtern. Aber auch schon vorher musste ich meine Lesungen teilweise unter Polizeischutz halten. Für die in Deutschland lebende türkische Gesellschaft bin ich ein rotes Tuch.


15.03.2006 / Rüsselsheimer Echo

„Integration hat nicht stattgefunden“

Frauen im Islam: Serap Cileli kämpft gegen Benachteiligung – Vortrag in Stadthalle

Rüsselsheim (sura): Serap Cileli, die sich zur Aufgabe gemacht hat, geschlechtsspezifische Ungerechtigkeiten zu bekämpfen, hat diese am eigenen Leib erlebt. Für sie ist Zwangsehe eine lebenslange Vergewaltigung. Mit Lesungen und der Arbeit an Schulen leistet sie Aufklärungsarbeit und kann vielen Mädchen, Frauen und auch jungen Männern helfen. Die Kreis-Frauenunion der CDU hatte die Autorin, die im vergangenen Jahr mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde, für Montagabend zu einem Vortrag in die Stadthalle eingeladen.

Oft sei sie enttäuscht, da ihre Arbeit bei türkischen Jugendlichen, die bereits in dritter und vierter Generation in Deutschland leben, auf Unverständnis stoße, sagte Cileli. Integration habe nicht stattgefunden, der Ehrbegriff werde von Generation zu Generation unverändert weitergegeben. Zwischen 1996 und 2005 seien 59 Ehrenmorde in Deutschland begangen worden. Die Dunkelziffer sei weit höher, da die Morde oft nicht als solche erkannt und als Familienstreitigkeiten abgetan werden.
Angeblich gebe es in der Türkei keine Strafminderung für Ehrenmorde, doch Beispiele zeigten, dass die Praxis anders aussehe. Häufig, so berichtet Cileli, sei der Grund für eine angebliche Entehrung die Eheschließung mit einem christlichen Partner. Besonders schlimm sei der Verlust der Jungfräulichkeit vor der Ehe. Daher komme es vor, dass Frauen durch einen gynäkologischen Eingriff ihre Jungfräulichkeit wieder herstellen lassen. Der Eingriff kostet 500 bis 1500 Euro. Ähnlich einer Mitgift sei es mittlerweile Voraussetzung, dass türkische Mädchen durch ein Zertifikat den künftigen Schwiegereltern ihre Jungfräulichkeit bescheinigen.
Ehrenmorde sind charakteristisch für archaisch organisierte Gesellschaften. Nicht ausschließlich, aber vermehrt, kommen sie in muslimischen Gesellschaften vor und richten sich fast ausnahmslos gegen Frauen. Der Koran, so Cileli, habe strenge Regeln in Bezug auf die Sittsamkeit der Frau. Ehrenmorde würden meist von männlichen Verwandten ausgeübt. Oft sind dies Minderjährige, da diese Strafmilderung aufgrund ihres Alters erhalten. Auch Frauen können Täter und Mittäter sein, indem sie Tätern moralischen Rückhalt und ein Alibi geben. Meist wird der Täter als Held gefeiert, da er die Ehre der Familie wieder hergestellt hat.
Es seien Migrantinnen, die mittelalterliches Gedankengut aufrechterhalten und behaupten, solche Fälle seien nur Ausnahmen. Die Autorin berichtete, sie habe sich sogar sagen lassen müssen, dass es integrationshemmend sei, wenn sie mit Themen wie Zwangsverheiratung an die Öffentlichkeit ginge.
Eine Zuhörerin berichtete, sie habe bei einem Urlaub in Istanbul viele Frauen gesehen, die sehr offen wirkten. Cileli erklärte jedoch, diese Offenheit sei nur kosmetisch. Istanbul sei auch nur ein großes Dorf und bei einem Blick hinter die Fassaden werde deutlich, dass auch dort die Frauen unterdrückt würden. Sie kritisierte, dass all diese Themen in Deutschland noch bis vor kurzem tabu waren. Es müsse noch viel getan, viel Aufklärungsarbeit geleistet werden.


09.03. 2006 / Heilbronner Stimme / Märkische Allgemeine

"Wir sind nicht eure Ehre"

Türkischstämmige Frauen in Deutschland leiden unter familiärer Gewalt
Von Detlef Drewes

BRÜSSEL Mit brutaler Gewalt fesselt der Mann seine Tochter ans Bett. Es ist früher Morgen, irgendwann im Jahr 2003. Er ignoriert ihre Schreie, übergießt sie mit Benzin und zündet das Mädchen an. 45 Minuten lang sieht er zu, wie seine Tochter den Flammen wehrlos ausgeliefert ist, erst dann treffen Polizei und Rettungskräfte ein. 60 Prozent der Hautoberfläche sind verbrannt. Aber sie überlebt. Das Mädchen hatte sich gegen die vom Vater beschlossene Zwangsheirat gewehrt. Es ist zu diesem Zeitpunkt zwölf Jahre alt.

"Ehrenmorde sind ein Teil des Martyriums, das türkischstämmige Frauen nicht nur in ihrer Heimat, sondern auch hier in Deutschland erleben", sagt Serap Cileli, 40 Jahre, Mutter von drei Kindern, die seit Jahren hier lebt, nachdem sie selbst zwei Mal zwangsverheiratet wurde und dann fliehen konnte. Inzwischen ist sie mit dem Mann verheiratet, den sie liebt und selbst gewählt hat. "Wenn sich Frauen von ihren traditionell geprägten, patriarchalischen Männern emanzipieren, glauben die, die Familienehre retten zu müssen." So wie der 55-jährige Türke, der vor zwei Jahren auf offener Straße seine 16-jährige Tochter mit einem Messer regelrecht abschlachtet, nachdem er sie am Rande einer Raver- Party ausfindig gemacht hatte. "Natürlich habe ich meine Tochter geliebt", sagt er nach der Tat. "Wie sollte ich ihr sonst in den Bauch stechen?"

"Wir sind eure Töchter, nicht eure Ehre" hat Cileli ihr Buch genannt, in dem sie eigentlich nur ihre eigene Geschichte aufarbeiten wollte. Inzwischen ist es zu einem Geheimtipp unter den Frauen mit Immigrationshintergrund geworden. Mehr als 200 haben sich seit dem Erscheinen Hilfe suchend an die Autorin gewandt. Dazu noch einige Jungen, die ebenfalls bedroht werden. "Natürlich sind viel mehr betroffen", sagt Cileli.

Nach Angaben der bayerischen Sozialministerin Christa Stewens leben rund 800 000 türkischstämmige Frauen in Deutschland.
Und viele erleben, was Cileli mit den Worten umschreibt: "Es ist die ganze Spirale der Gewalt, von Prügel über offene Misshandlungen bis hin zu Inzest, Kindesmissbrauch und Zwangsehe."
Dennoch dürfe nicht der Eindruck entstehen, dass in jeder türkischen oder islamischen Ehe "nur geprügelt wird", sagt Cileli. "Aber es ist falsch, alles nur als Einzelfall abzustempeln."

Die Europäische Kommission fördert solche Projekte. Vladimir Spidla ist dafür in Brüssel zuständig: "In erster Linie wollen wir die Frauen ausbilden, um ihr Selbstwertgefühl zu steigern. Die islamische Welt ist durchaus für Frauen offen." Bei seiner Türkei-Reise, die erst in dieser Woche zu Ende ging, habe er gemerkt, dass "türkische Frauen sehr viel besser in der Männerwelt ihrer Heimat Karriere machen können, als bei uns." Die Zahl der Türkinnen, die zwischen Ankara und Istanbul eine leitende Position innehaben, ist höher als in jedem anderen EU-Land. Allerdings ist auch die Kluft zwischen der weiblichen Elite und der Situation der Frauen, die außerhalb der Städte wohnen, nirgends krasser.

Serap Cileli arbeitet inzwischen in Deutschland als Ansprechpartnerin, sie vermittelt Hilfe, berät und unterstützt. Und sie hat dabei vor allem einen Wunsch: "Der Internationale Frauentag am 8. März soll endlich ein Feiertag sein können. Für uns türkischstämmige Frauen ist er bisher ein Trauertag."


 
 

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