10.11.2006
/ Goslarer Zeitung
„Der Himmel der Frau ist unter den Füßen
des Mannes“
Unter Polizeischutz nahm am ersten Frankenberger
Winterabend dieser Saison Serap Cileli die gut 200 Besucher im Kleinen
Heiligenkreuz mit auf einen Weg, der die meisten Zuhörer nicht
unberührt ließ.
30.11.2006
/ F.A.Z./
Nr. 279 /
Seite 9
Daß du keine Schande bringst
Wie sich die Deutschtürkin
Serap Çileli gegen ihre Familie eine eigene Familie erkämpfte
Von Timo Frasch
FRANKFURT, im November. Serap
Çileli war 22 Jahre alt und gegen ihren
Willen schon sieben Jahre verheiratet, als sie in ihrem Heimatort Mersin
die Idylle durchs Fenster sah, nach der sie sich selbst immer gesehnt
hatte:
In der gegenüberliegenden Wohnung saß die ganze Familie um
einen großen Tisch,
und alle lachten über den schon erwachsenen Sohn, der mit einem
Kochlöffel auf
einen Topf trommelte. Ali. Der Weg nach nebenan war lang. Er dauerte
Jahre.
Heute ist Serap Çileli mit Ali verheiratet, mit dem Mann, den
sie jahrelang nicht heiraten durfte, den sie schließlich heiraten
mußte, sonst hätte ihr Vater sie, wie er ihr mitteilen ließ,
um die Welt gejagt wie ein Tier.
Ali. Ohne ihn hätte sie es
wohl nicht geschafft, aus ihrem Gefängnis auszubrechen, sagt Serap
Çileli, während ihr Mann ihr eine Marlboro reicht. Er ist
ihr nach Deutschland gefolgt. Er hat sie unterstützt, nachdem sie
mit ihren beiden Kindern vor ihrer Familie geflohen war. Er hat als
Illegaler in einer Dönerbude geputzt und auf deutschen Bahnhöfen
geschlafen. Und er brachte ihr vom Flohmarkt eine Schreibmaschine mit
und ermutigte sie, ihre Tagebücher an Verlage zu schicken. Die
schrieben ihr jahrelang zurück: "Interessante Geschichte,
aber zu brisant für Deutschland." Alis Familie und die seiner
Frau unterscheidet eigentlich nicht viel. Beide kommen aus dem türkischen
Mittelstand, beide aus einer Touristenstadt am östlichen Mittelmeer.
Alis Vater hatte einen Marmorvertrieb, Seraps Vater eine Schreinerei.
Alis Mutter ging bis zur fünften Klasse zur Schule, Seraps Mutter
sogar bis zur neunten. In Deutschland herrsche immer noch die Vorstellung,
daß nur ungebildete anatolische Bauern wie im Mittelalter lebten,
sagt Serap Çileli. Das sei ein großer Irrtum. Ihr Bruder
habe sich als Flugzeugbauingenieur mit einem 17 Jahre alten türkischen
Mädchen verheiratet. Und von den Türkinnen, die in Deutschland
auf den Universitäten studieren, trügen viele Kopftuch und
seien von islamistischen Organisationen gezielt dorthin geschickt worden,
um später wichtige Positionen einnehmen zu können. Der deutsche
Staat verstehe das aber noch immer nicht, sagt Serap Çileli.
Er lasse sich täuschen von den Masken der Islamisten, von geschliffener
Rede und Tagen der offenen Tür. Von dem, was in Köln oder
in Neukölln passiere, hätten die meisten wenig Ahnung.
Mittlerweile gibt es einige Türkinnen
in Deutschland, die so sprechen. Seyran Ates zum Beispiel, die aus Angst
vor Anfeindungen ihre Zulassung als Anwältin zurückgab. Oder
Necla Kelek. Der Soziologin ("Plädoyer für die Befreiung
des türkisch-muslimischen Mannes") unterstellten Anfang des
Jahres Pädagogen und Migrationsforscher, sie schüre Ängste
und arbeite nicht wissenschaftlich. Auch Serap Çileli arbeitet
nicht wissenschaftlich. Sie erzählt eine Geschichte - die eine
Geschichte vieler türkischer Frauen sein könnte.
Im Jahr 1974, mit acht Jahren,
wurde sie nach Deutschland geholt, wo der Vater mittlerweile in einer
Papierfabrik arbeitete. Er hatte Angst, daß Serap den Großeltern
in der Türkei über den Kopf wachsen könnte. Als sich
vier Jahre später erste weibliche Formen an ihrem Körper abzeichneten,
wurde sie einem acht Jahre älteren Mann versprochen, den sie zuvor
nie gesehen hatte. In der Schule legte sie ihren Verlobungsring ab,
weil sie sich vor den anderen Mädchen schämte. Am Sportunterricht
konnte sie oft nicht teilnehmen - sonst hätten die Mitschüler
ihre blauen Flecken gesehen. Was ihren Vater vom Prügeln abhielt:
die Sorge um ihr Jungfernhäutchen. Bei einem Besuch der Familie
ihres Verlobten war Serap dann am Ende. Mit dreizehn. Sie ging ins Badezimmer
und stopfte sich mit allen Tabletten voll, die sie finden konnte. Als
sie ein paar Tage später aus dem Krankenhaus nach Hause kam, wartete
der Vater schon auf sie. "Geh in die Küche", sagte er
zu seiner Frau, "und bring mir das Nudelholz."
Die andere Familie wollte ihren
Sohn keiner Aufsässigen geben. Die erste Verlobung wurde deshalb
gelöst - eine zweite bald eingefädelt. Mit 15 Jahren heiratete
Serap einen 25 Jahre alten Mann in der Türkei. Erst nach sieben
Jahren Ekel und der Geburt eines Sohnes sowie einer Tochter willigten
ihre Eltern in die Scheidung ein. Sie hatte damit gedroht, sich und
ihre Kinder umzubringen. Seraps Mutter holte die beiden mit nach Deutschland
- damit sie der beschämte Ehemann nicht entführen konnte.
Serap mußte bald folgen, sonst, so prophezeiten ihr die Eltern,
würde sie ihre Kinder nie wieder sehen.
Sie hatten von Seraps Schwester
erfahren, daß ihre Tochter eine Beziehung zu Ali habe. Um das
Allerschlimmste abzuwenden, wurde ein anderer Mann gesucht, durch den
Heiratsvermittler, der schon für das erste Arrangement zuständig
war. "Sei zufrieden, daß dich überhaupt jemand als Frau
nimmt", sagte ihre Mutter. Und ihr Vater: "Meinen Stolz kriegst
du nicht nieder, und wenn du meine Familienehre verletzt, werde ich
dich umbringen." An einem der letzten Abende, die Serap Çileli
in ihrer kleinen deutschen Wohnung in Sichtweite der Eltern verbrachte,
wäre ihm das fast gelungen. Serap Çileli hatte sich geweigert,
wegen eines Treffens mit dem neuen Verlobungskandidaten ihrer Arbeit
als Schichtführerin in einem Schnellimbiß fernzubleiben.
Daraufhin schlug ihr Vater sie halb tot. Sie wagte zum ersten Mal, sich
an die Polizei zu wenden, um mit ihren Kindern abgeholt zu werden. Das
Jugendamt vermittelte ihr eine Frauenorganisation, mutige Leute, die
sie nachts aus ihrer Wohnung holten und mit ihren Kindern in ein Frauenhaus
brachten, weit weg.
Sie blieb dort 16 Monate, mit
überforderten Sozialarbeiterinnen, mit Prostituierten und Immigrantinnen,
die ihr Schicksal teilten und oft doch wieder zu ihren Peinigern zurückkehrten.
Eine der eindringlichsten Szenen in dem Buch "Wir sind eure Töchter,
nicht eure Ehre", für das Serap Çileli 1999 doch noch
einen Verlag fand, spielt im Frauenhaus. Als ihre Tochter mit Lidschatten
und Lippenstift aus dem Zimmer einer anderen Türkin kommt, wird
die Mutter zornig: "Du wirst dein Gesicht ordentlich mit Waschlappen
und Seife waschen. Du weißt, daß ich das bei kleinen Kindern
hasse." Das sei die Serap von damals gewesen, noch unter dem Eindruck
des Erlittenen, sagt Serap Çileli heute. Ihre Mutter sei, als
Serap gerade neun Jahre alt war, mit einem Schminkkoffer von Karstadt
gekommen: "Du bist jetzt eine junge Frau!" (Anmerkung: Dieses
Alter zur Definition als Frau ist kein Zufall. Der Prophet hatte ein
Kind als "Frau", das er im Alter von neun Jahren entjungfert
hat) Zu Hochzeitsfeiern mußte sie hohe Absätze und Abendkleider
tragen, sie bekam rückenfreie Tops und Röcke mit Schlitzen.
"Bis die Ware verkauft ist", sagt Serap Çileli, "wird
sie auf dem Silbertablett präsentiert." Sie kenne junge Frauen,
Jungfrauen, sagt Çileli, die für 25000 Euro ihren Besitzer
gewechselt haben. Als Sexobjekt oder als Ticket nach Deutschland. Schon
nach der Verlobung trete der Protektionismus an die Stelle des freien
Marktes. Als sie im Imbiß arbeitete, sei ihr Vater dauernd gekommen,
um sie zu kontrollieren. Sie wisse von verlobten Mädchen, denen,
wenn sie auf Klassenfahrt mitdurften, vorher die Haare geschoren wurden
- für den Fall, daß ihr Kopftuch verrutscht. Das wichtigste
sei, bis zur Hochzeit Jungfrau zu bleiben. Ohne Jungfernhäutchen
und ohne Mann sei man sozial tot. Das gelte dann für die gesamte
Familie. Beflecktes Laken oder befleckte Ehre - jeder bekomme das mit.
Während ihrer Zeit im Frauenhaus
wurde Serap Çileli zum dritten Mal schwanger. Diesmal von Ali.
Auch seine Eltern waren nicht begeistert. Aber sie hielten zu ihrem
Sohn. Weil Serap anfangs nur 400 Mark bei sich hatte und sich als Schwangere
mit zwei Kindern schwertat, in Deutschland eine Wohnung oder eine Arbeit
zu bekommen, mußte sie beim Sozialamt Antrag auf Sozialhilfe stellen.
Der Bescheid wurde, wie in solchen Fällen üblich, an ihre
Eltern geschickt, die so ihren Aufenthaltsort ausfindig machen konnten.
Seraps Vater schickte zwei ihrer Brüder mit einem Brief. "Ich
werde dich jagen wie ein Tier." Vaters Wunsch sei es, sagten die
Brüder zu Ali, "daß du unserer Schwester keine Schande
bringst". Das war 1993.
Serap Çileli hat seitdem
nie Personenschutz beantragt. Sie verläßt aber bis heute
nur in Begleitung die Wohnung. Ihr Mann gab seine Arbeit auf, um sie
auf ihren Vortragsreisen begleiten zu können. Er filmt jeden Auftritt.
Je mehr sie in der Öffentlichkeit stehe, sagt sie, desto sicherer
fühle sie sich. Von ihrer Familie gehe heute keine Bedrohung mehr
aus. Eher schon von radikalen Muslimen, die sie in Briefen regelmäßig
beschimpften oder nach Vorträgen als Verräterin anprangerten.
Eine deutsche Lehrerin habe sie einmal darum gebeten, nicht an die Schule
zu kommen. Junge Türken hätten gedroht, wenn Frau Çileli
spreche, dann würden sie die Aula kurz und klein schlagen. Sie
ist trotzdem hingegangen. Passiert ist nichts.
Serap Çileli fühlt
sich nicht als Muslima, aber auch nicht als Atheistin. Ihre jüngste
Tochter ging vier Jahre lang in den katholischen Religionsunterricht,
die Familie feiert Weihnachten und das muslimische Zuckerfest. Sie seien
gut integriert, sagt Serap Çileli. Die ältere Tochter, die
im kommenden Jahr ihr Abitur macht, hat einen deutschen Freund. Der
Sohn, der Politikwissenschaft studiert, spielt im Handballverein. Bei
Festen, sagt Serap Çileli, koche sie manchmal türkisch.
Das komme gut an. Mit Fremdenfeindlichkeit habe sie in Deutschland keine
Erfahrungen gemacht.
Im Sommer seien sie und ihr Mann
im Städtchen spazierengegangen, sie mit einem Top, ihr Mann in
kurzen Hosen. Es war heiß. Auf der anderen Straßenseite
hörten sie zwei türkische Frauen, die Serap Çileli
in einem Deutschkurs unterrichtete. "Schau mal", habe die
eine laut zur anderen gesagt, "Ist das ein Mann?" - "Nein",
habe die andere geantwortet, "das ist kein Mann. Das ist ein Waschlappen."
Ali serviert türkischen Mokka. Die Frauen, sagt Serap Çileli,
seien die eigentlichen Stützen des Weltbildes, das in Deutschland
noch immer den grausamen Alltag vieler türkischer Familien bestimme.
Serap Çileli hält eine Untersuchung der Konrad-Adenauer-Stiftung,
nach der die Entscheidung zum Tragen eines Kopftuchs bei den meisten
Deutschtürkinnen persönlicher Natur und kaum durch andere
beeinflußt sei, für eine Farce. Die Wirklichkeit, die sie
aus der Beratung vieler türkischer Mädchen kenne, sehe ganz
anders aus.
Serap Çileli ist heute
40 Jahre alt. Nach fast zwanzig Jahren lebt sie in der Familie, die
sie sich immer gewünscht hatte. "Wir haben gemeinsam alles
verarbeitet." Das gelte auch für die beiden Kinder aus ihrer
ersten Ehe. Ihren Vater kann man nicht mehr nach seiner Version der
Geschichte fragen: Er ist vor einigen Jahren an einem Herzinfarkt gestorben,
Serap Çileli hat es von einer ehemaligen Klassenkameradin erfahren.
Nach der Hochzeit mit Ali hatte sie hin und wieder versucht, Kontakt
mit den Eltern aufzunehmen. Familie sei eben Familie. Die Mutter habe
aber immer abgeblockt. Das letzte Mal von ihrer Familie erfahren hat
Serap Çileli aus der türkischen Zeitung "Hürriyet",
die sie trotz anderen Namens aufgespürt hatte. In der Ausgabe,
in der "Hürriyet" eine Kampagne gegen häusliche
Gewalt gestartet hat, wurde auch ein Foto von der lächelnden Serap
bei ihrer ersten Hochzeit gedruckt. Darüber steht: "Sieht
so eine Frau aus, die zwangsverheiratet wurde?"
27.11.06 /
Landeszeitung für die Lüneburger Heide
Facetten einer schwierigen Beziehung
Moslems und Christen diskutieren

Diskutierten über Islam und
Christentum vor zahlreichen Gästen (v. l.): Sylvain Romain, Serap
ileli, Christian Geyer, Mounir Azzaoui und Aydan Özoguz. Wolfgang
Thielmann kam erst später dazu, sein Zug hatte Verspätung.
Foto: t&w
Stadt und Landkreis Lüneburg
ca Lüneburg. Die Attentate
vom 11. September 2001 in den USA, die Anschläge in Madrid und
London hätten nichts mit dem Islam zu tun. Hassprediger gehörten
nicht in Moscheen. Der Islam sei eine friedliche Religion - der Sprecher
des Zentralrates der Muslime in Deutschland, Mounir Azzaoui, steht für
klare Positionen. Allerdings vertritt der Rat nur einen Teil der Muslime.
Denn es gibt unter den Gläubigen völlig entgegengesetzte Strömungen,
die Serap ileli erlebte: Sie wurde mit 15 Jahren zwangsverheiratet.
Sie löste sich, schrieb das Buch "Wir sind eure Töchter,
nicht eure Ehre". Danach sei sie bedroht worden. Ähnlich ergeht
es gerade der grünen Bundestagsabgeordneten Ekin Deligöz,
die dafür plädierte, dass muslimische Frauen ihr Kopftuch
ablegen, denn es sei ein Zeichen der Unterdrückung.
Bei einer Podiumsdiskussion debattierten
ileli und Azzaoui am Sonnabend in der Universität gemeinsam mit
Aydan Özoguz, der migrationspolitischen Sprecherin der SPD-Fraktion
in der Hamburger Bürgerschaft, dem Pastor und Journalisten Wolfgang
Thielmann (Rheinischer Merkur) und dem Vorsteher der Adventgemeinde
in Albanien, Sylvain Romain. Der FAZ-Redakteur Christian Geyer moderierte
die Veranstaltung. Eingeladen dazu hatte die Stipendiatengruppe Lüneburg
der Stiftung der Deutschen Wirtschaft, das Thema: Christentum und Islam
in Deutschland - Perspektiven zukünftigen Zusammenlebens.
Doch es ging eher um eine Zustandsbeschreibung.
Während zum Beispiel Pastor Romain von Einwanderern forderte, selber
etwas dafür zu tun, Deutsch zu lernen, so wie es in anderen Ländern
selbstverständlich sei, sah es die Hamburgerin Özoguz anders:
Für manche muslimische Frau seien die Kurse eine Möglichkeit,
aus ihrer Isolation auszubrechen und Kontakte zu knüpfen. Die Politikerin
empfahl einen Blick zurück: Gastarbeiter, oft Analphabeten, seien
nach Deutschland geholt worden, in dem Glauben, dass sie nach ein paar
Jahren wieder in ihre Heimat zurückkehrten. Doch noch heute lebten
sie und ihre Nachkommen hier.
Romain, aber auch Serap ileli
machten darauf aufmerksam, dass sich manche Türken in Deutschland
viel konservativer und fundamentalistischer verhalten als in der Türkei.
Einig waren sich die Teilnehmer, dass die Masse der Muslime friedlich
in Deutschland lebt. Thielmann beschrieb es so: Der "gefühlte"
Islam sei viel bedrohlicher als die Menschen es tatsächlich seien.
Der Journalist nannte Zahlen: 3,5 Millionen Moslems wohnen in der Bundesrepublik,
rund 200 gelten als gewaltbereit, 20 seien wirklich gefährlich.
Ohne die Gefahr kleinreden zu wollen, riet er zu mehr Gelassenheit.
In der Vergangenheit seien Probleme eher überspielt worden, heute
sei man übersensibilisiert.
Am Ende standen mehrere Empfehlungen
für ein besseres Miteinander: Islamische Religionslehrer sollten
an deutschen Universitäten ausgebildet werden. Weitere Stichworte
waren Sprachkurse, eine schärfere Kontrolle der Radikalen und mehr
Jugendarbeit.
22.11.2006
/ Tageblatt
Eine Frau prangert das Leid vieler
Mädchen an
Serap Cileli referiert in Stade
über Verbrechen im Namen der Ehre

Stade (ma). Es ist eine bittere
Realität, ein unsägliches Leid für viele junge muslimische
Mädchen und Frauen: Zwangsverheiratung, Vergewaltigung, Demütigung,
Mord im Namen der Ehre. Serap Cileli konnte dieser Hölle entkommen
und kämpft seitdem einen engagierten Kampf für die Rechte
der Frauen. Am Montag sprach die bekannte Autorin in der Stader VHS
über die Verbrechen im Namen der Ehre.
Serap Cileli reist nie alleine. Seit sie den
Weg nach vorne gewählt hat, gehören Anfeindungen radikaler
Muslime zu ihrem Leben. Manchmal, so erzählt sie, werde sie auf
offener Straße angerempelt und täglich bekomme sie E-Mails,
in denen sie beschimpft oder gar bedroht werde.
„Aber ich mache weiter. Ich muss den Menschen erzählen, welche
Verbrechen, auch in Deutschland den Frauen an Leib und Seele zugefügt
werden“, sagt die 40-Jährige. Mit ihrem biografisch geprägten
Buch „Wir sind eure Töchter, nicht eure Ehre“ half
sie, das Tabu-Thema zu brechen und eine öffentliche Auseinander-setzung
anzuschieben.
Unermüdlich hält sie Vorträge und leistet Aufklärungsarbeit
über patriarchalische Familienstrukturen und das Schicksal muslimischer
Frauen, die sich rechtlos ihren männlichen Verwandten untergeben
müssen. Unfassbar klingen ihre Fallbeispiele von Töchtern,
die von Familienmitgliedern vergewaltigt und danach zum Arzt geschleppt
werden, damit dieser ihre Jungfräulichkeit wieder herstellt.
Widerstand ist meist zwecklos und wird im Namen der Familienehre bestraft.
Und sie erzählt von zwölfjährigen Mädchen, die gestern
noch auf dem Schulhof spielten und scheinbar plötzlich vom Erdboden
verschwunden sind - zwangsverheiratet an einen Fremden in der „alten
Heimat“.
„All diese schrecklichen Dinge passieren mitten in Deutschland
und die Dunkelziffer ist hoch“, berichtet Serap Cileli den rund
40 Zuhörern in der Stader Volks-hochschule. Doch es ist ihr auch
wichtig zu sagen, dass sich ihre Anklage nicht gegen eine ganze Nation,
eine Religion oder gar ein ganzes Volk richtet.
Serap Cileli wurde mit 15 Jahren nach Anatolien zwangsverheiratet und
schaffte es auf einem leidvollen und steinigen Weg in die Freiheit,
dem so genannten Ehrenmord nur knapp entkommen. Heute hilft sie jungen
Mädchen, die sich aus den familiären Fesseln befreien wollen.
Ihre Homepage bietet eine anonyme Kontaktaufnahme und hält Anlaufstellen
und Adressen parat.
Auch politisch kämpft die dreifache Mutter für die Sache:
„Ich bin unbedingt dafür, das Nachzugsalter von Eheleuten
aus dem Ausland auf 21 Jahre herauf zu setzten. Außerdem sollten
diese jungen Leute einen Sprachnachweis erbringen.“
Denn nur mit ausreichenden Deutschkenntnissen, so Serap Cileli, hätten
junge Mädchen die Chance, um Beratung und Hilfe zu bitten.
21. November 2006
/ Neues Deutschland -Sozialistische Tageszeitung
Die Schwierigkeit, Identität
zu bestimmen
KULTUR NEU DENKEN – die
Linke suchte unter Werner Tübkes Bauernkriegspanorama nach Licht
im Dunkel
Von Hanno Harnisch
Gibt es einen besseren Ort als das »theatrum
mundi«, wenn eine politische Partei KULTUR NEU DENKEN will? Werner
Tübkes Welttheater, sein so beeindruckendes Bauernkriegspanorama
hoch über Bad Frankenhausen war somit ideal gewählt für
das zweitägige Symposium, das die Linksfraktionen im Bundestag
und im Thüringer Landtag am Wochenende über die Bühne
brachten. Zwölf Jahre – die letzten der DDR – hatte
Tübke an diesem Weltbild gearbeitet, das auf dem Schlachtberg Thomas
Müntzer und seinem »Haufen« aufständischer Bauern
ein Denkmal setzte. Vernichtend wurden sie damals geschlagen. Dieses
123 Meter lange und 14 Meter hohe Bild mit dem Titel »Frühbürgerliche
Revolution in Deutschland« ist ein historischer Kosmos von gewaltiger
Bildkraft geworden, eben ein »Welttheater«, wie es der FAZ-Kunstkritiker
und Kenner der DDR-Kunst, Eduard Beaucamp, einmal genannt hatte.
Das Monumentalbild ist gleichmäßig warm erleuchtet, so wie
es die hunderttausend Besucher, die jedes Jahr den Weg in das Panoramamuseum
finden, auch erblicken, seit es auf einem der letzten großen Festakte
(oder gar auf dem letzten überhaupt) der DDR-Führung im September
des Jahres 1989 für die Öffentlichkeit zugänglich wurde.
Auf Augenhöhe beginnt der Betrachter, diese Bildgewalt mit den
3000 Figuren, die die historische Wirklichkeit und Grausamkeit des Bauernkriegs
im 16. Jahrhundert zeigt, langsam zu begreifen. Vielleicht bekommt er
so eine Ahnung von der »Zeitlosigkeit der apokalyptischen Entstehung
der Welt oder deren Untergang« (Beaucamp). Oder auch von den Utopien
enttäuschter Übergangszeiten. Irgendwo im Wandbild hat sich
Tübke auch selbst gemalt – als Harlekin. Dieser »große
Unzeitgemäße« (noch einmal Beaucamp über Tübke)
lebt seit zwei Jahren nicht mehr. Sein so zeitgemäßes Weltbild
sehr wohl. Quasi in ihm, also umrundet von einer einzigen Leinwand,
erlebten an die hundert (geladene) Gäste dann auch, wie schwierig
es ist, Identität zu besetzen.
Luc Jochimsen, die linke Journalistin, die sich nach ihrem Ausscheiden
als Fernsehchefin des Hessischen Rundfunks jetzt als Bundestagsabgeordnete
der Linksfraktion um Kultur und Medien müht, und Birgit Klaubert,
Vizepräsidentin des Thüringer Landtags und kulturpolitische
Sprecherin ihrer Linksfraktion, waren die Gastgeberinnen und Moderatorinnen
des Wochenendes. Das Konzept war einfach und doch sehr kompliziert.
Am ersten Tag sollte es zwei Impulse zur Diskussion geben. Einen aus
dem Osten und einen aus dem Westen. Gregor Gysi und Hansjürgen
Rosenbauer. Doch ist es wirklich so einfach mit den Kulturen wie mit
Goethes Hexeneinmaleins? Stimmt die Frage überhaupt, ob und wie
»aus zwei mach eins« wird? Worum kann, worum soll es überhaupt
gehen bei einem Kultursymposium, einer Kulturkonferenz? Vor ein paar
Wochen in Senftenberg am Theater der Bergarbeiter veranstaltete die
Linke schon einmal ein ähnliches Wochenende. Da war es relativ
klar. Da ging es um die Zukunft der Arbeit. In einer »schrumpfenden«
Region kann Kultur weiter sein, wenn man nur will – und die richtigen
Ideen hat. Nun also der Politiker Gysi und der Journalist Rosenbauer.
Die gemeinsame (vorgegebene) Überschrift lautete: »Der Westen
leuchtet, aber das Licht ist kalt. Zwei Kulturen werden eine?«
Manchmal ist es erfrischend, wenn Vortragende gleich die Grundthese
in Abrede stellen. Gysi weigerte sich schlichtweg, theoretisch über
Kultur zu reden, sondern erzählte von Menschen, von Seele, von
Glauben – um dann doch immer wieder auf Politik zu kommen. Rosenbauer
wollte sich gar nicht erst auf einen rückwärtsgewandten Vergleich
von zwei Kulturen einlassen. Der Kuscheligkeit der Vergangenheit setzte
er die Offenheit Europas entgegen (aus beiden Vorträgen wird es
in den nächsten Tagen eine streitbare ND-Themaseite geben).
Am Freitagabend dann nach Doppelvortrag eine erste Diskussion. Professor
Bialas, vor vielen Jahren einmal Hambuger Kultursenator, wollte provozieren.
»40 Jahre unterschiedliche Entwicklung in Ost und West sind nur
ein Firnis, der langsam verblasst«. Warum soll auch aus zwei Kulturen
überhaupt wieder eine gemacht werden?
Wer in Thüringen dieser Tage über Kultur nachdenkt, der kommt
an der Zahl 10 Millonen Euro nicht vorbei. Um diese Summe soll Thüringens
Theateretat gekürzt werden. Das sind insgesamt nur 0,1 Prozent
des Landeshaushaltes, wie Birgit Klaubert immer wieder betont. Und der
Widerstand, nicht nur im Lande, hat sich schon längst formiert.
Kultusminister Jens Goebel (CDU) wurde von Jochimsen/Klau-bert zu einem
Grußwort auf den Schlachtberg eingeladen. Er kam (wie auch seine
Parteikollegin Dagmar Schipanski). Goebel grüßte also die
Linken tapfer, erzählte von seinem Thüringen als »Kernland
der Kultur«, das »zum Markenzeichen entwickelt werden«
müsse, dass die Kürzungen bei den Theatern und Orchestern
»unumgänglich« seien, dass »an allen bisherigen
Theaterstandorten« ein »möglichst breites Angebot«
gewährleistet werden soll, und so weiter. »Wir machen unsere
Theater nicht platt, sondern überlebensfähig«, so rief
er noch kühn, und kalauerte dann noch ein bischen, dass »die
Flunder nicht unser Theater-Maskottchen« sei, von wegen plattmachen,
Sie verstehen. Alle waren mehr oder minder sprachlos, nur wenige klatschten
und keiner, keiner fragte den alert-schwergewichtigen Minister auch
nur die leichteste Frage. Schade, hätte spannend werden können.
Dafür las Ingo Schulze wenigsten noch aus seinem herrlichen Briefroman
»Neue Leben«, auf welche Art und Weise der Westen in seinen
Kopf kam.
Am Sonnabend dann Zeit (viel zu wenig) für zwei Gesprächsrunden
(viel zu groß). Aber immerhin so interessant, dass nur selten
der Blick von einem der Zuhörer noch in Richtung Wandbild ging.
Wenn ein Podium im Halbdunkel sitzt, kommen die Gedanken offensichtlich
um so heller. Der schon mehrfach zitierte FAZ-Kritiker Eduard Beaucamp
sprach vielen Anwesenden aus der Seele, dass man »von der DDR
lernen konnte, Künstlern einen Rahmen zu geben«. Bundestagsfraktionschef
Oskar Lafontaine, der vor seinem Auftritt beim Parteitag der WASG bei
den Kulturleuten vorbeischaute, betonte, »dass Deutschland keine
Kulturnation, wohl aber eine Kulturgesellschaft« sei, die von
von Mehrheiten und Minderheiten beeinflusst wird. Für den Fernsehmoderator
und Verleger Michel Friedman sind die Juden in Deutschland aber noch
»längst nicht angekommen«. Nach wie vor »will
ein Fünftel der Deutschen keinen jüdischen Nachbarn«.
Die türkischstämmige Frauenrechtlerin Serap Cileli verlangte
von Kultur auch das »Setzen von Grenzen«. Nicht alles, was
im Namen der Kultur daherkommt, dürfe toleriert werden. Für
den iranischen Intellektuellen Bahman Nirumant sind die Deutschen viel
schlitzohriger geworden durch die Millionen Emigranten«.
Der Intendant der Neuen Bühne Senftenberg, Sewan Latchinian, sah
die Chance, dass die Kultur nach der staatlichen Vereinigung von BRD
und DDR neue Wege geht. Er will »keinen zusammengerührten
Mischmasch, sondern einen neuartigen dritten Weg«. Die Alternative
heißt für ihn brutal »Kultur oder Barbarei«.
Sein Intendantenkollege Stephan Märki will auch heute nicht begrefen,
das Ärzte oder auch Intendanten wie Unternehmer auftreten sollen.
Es hätte noch lange so weitergehen können.
Kein Symposium ohne Fazit. Es sei »der Anfang eines Dialogs von
Menschen verschiedener Kulturberufe und unterschiedlichster Herkunft«
gemacht worden, erklärte Luc Jochimsen. Im nächsten Jahr soll
KULTUR NEU DENKEN unbedingt fortgesetzt werden. Vielleicht mit einer
Linksfraktion in der Bremer Bürgerschaft als Mitveranstalter. Sollte
es eine geben.
20. November 2006
/ Thüringer Allgemeine
K wie Linke
Von Frauke ADRIANS
Der Kopf ist rund, sagt man, damit
das Denken die Richtung ändern kann. Rund ist auch das Panorama
in Bad Frankenhausen - was dem PDS-Symposium "Kultur neu denken"
allerdings nicht weiterhalf. Neues wurde nicht gedacht, die Richtung
war meist vorhersehbar. Und offenbar hatten bei der Vorbereitung entscheidende
Gedanken gefehlt.
BAD FRANKENHAUSEN. Mit wie vielen
hochkarätigen Gästen kann man ein Podium im Höchstfall
besetzen, ohne dass eine Diskussion unmöglich wird? Und: Was ist
eigentlich Kultur, worüber wollen wir reden? Diese Fragen zumindest
hätten die Gastgeberinnen, die Fraktionen der Linken/PDS in Bundes-
und Landtag, bedenken sollen, ehe sie auf den Frankenhäuser Schlachtberg
einluden. Der Ort sei der eigentliche Auslöser der Tagung gewesen,
sagte Luc Jochimsen, kulturpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion.
Sie hatte sich sichtlich inTübkes Bauernkriegspanorama verliebt,
es schien ihr nicht zuletzt der optimale Austragungsort für eine
Diskussion über ihre Lieblingsthese zu sein: Zu Zeiten der deutschen
Teilung sei die Kultur nicht verbindende, sondern trennende Kraft gewesen;
heute gelte es, einen "dritten Weg" zu definieren. Wie ihre
Amtskollegin Birgit Klaubert von der Landtagsfraktion bemühte Jochimsen
gern das Wort von der "ostdeutschen Identität".
Nur: Darüber wollte außer
der Linkspartei niemand reden. Die Ost-West-Diskussion sei lächerlich,
befand der Tübke-Experte Eduard Beaucamp; der aus Zittau stammende
Orientalist Udo Steinbach ließ kein gutes Haar an der Rede zum
Thema DDR-Identität, die Gregor Gysi am Abend zuvor auf dem Symposium
gehalten hatte: "Schnee von vorgestern." Christoph Dieckmann
(Die Zeit) warnte vor einer "allzu lauten Behauptung von Kollektiv-Identität".
Die gebe es im Osten nicht, sondern eine Vielzahl von Milieus und Biografien.
Ingo Schulze verlor bald die Geduld
mit der Veranstaltung. "Wollen wir hier allgemein über Kultur
reden oder über die Thüringer Situation?", fragte der
Autor von "Neue Leben", der bis 1990 Dramaturg am Theater
Altenburg war. Der Thüringer Kulturkahlschlag brannte ihm auf den
Nägeln - "aber zu dem Thema sind uns ja die Ansprechpartner
verloren gegangen", kritisierte Schulze. In der Tat: Kultusminister
Jens Goebel war nach einer seiner üblichen Beschönigungsreden
am Freitagabend seiner Wege gegangen, ohne von der Linkspartei mit Argumenten
gegen den Kulturraubbau behelligt worden zu sein. Stephan Märki,
Intendant des Weimarer DNT, und sein Kollege Sewan Latchinian vom Theater
Senftenberg warnten am Samstag vor den Folgen von Theaterschließungen.
"Kultur kostet, Unkultur kostet mehr", mahnte Latchinian.
Auf den beiden mit acht bis neun
Teilnehmern deutlich zu großen Podien kam kaum eine Diskussion
in Gang. Und weil die Gastgeberinnen sich nicht die Mühe gemacht
hatten, den Begriff Kultur zu definieren, wurde er mal im engeren künstlerischen
Sinne, mal als soziologischer Identitätsbegriff verwendet. Da war
es Glückssache, ob die Redebeiträge eine gemeinsame Basis
hatten oder nicht.
Eine Diskussion über "Minderheitenkulturen"
in Deutschland wäre für sich allein schon abendfüllend
gewesen. Michel Friedman, Romani Rose, die türkisch-deutsche Frauenrechtlerin
Serap Cileli und der aus dem Iran stammende Journalist Bahman Nirumand
lieferten einige der engagiertesten und eindrucksvollsten Wortbeiträge.
In der PDS-Kulturdiskussion wirkten sie dennoch marginalisiert. Kein
Wunder: Wer ausdrücklich als Minderheitenvertreter eingeladen und
nach dem Schlüssel "zwei pro Podium" eingeteilt wird,
der wird vom Publikum zwangsläufig nur als Randfigur wahrgenommen.
Die Bekenntnisse der PDS zur Integration von Minderheiten wurden so
schon durch den Diskussionsaufbau konterkariert.
Das K im Wort "Linke"
solle für Kultur stehen: Dieses Fazit zieht die Linkspartei für
sich selbst. Offensichtlich hat sie bis dahin noch einiges zu tun.
19.11. 2006
/ Weltexpress
Die Linke: 'das ,K’ soll
für Kultur stehen'
Viel Prominenz kam nach Nordthüringen ins
Panorama-Museum zur Kulturtagung von Bundes- und Landtagsfraktion
„Kultur fördern ist teuer, aber die
Verrohung der Gesellschaft und Barbarei kommen uns noch teurer zu stehen“,
sagte die Bundestagsabgeordnete der Linkspartei, Luc Jochimsen, am Ende
der Tagung «Kultur neu denken», die am Freitag und Samstag
im thüringischen Bad Frankenhausen stattfand. Sie griff damit ein
Argument auf, das Sewan Latchinian, Intendant der Neuen Bühne Senftenberg,
die zum Theater des Jahres 2005 gewählt wurde, auf der Kulturtagung
am Beispiels seiner Problemregion erläutert hatte. „Diese
Tagung wird einen starken Effekt in unsere Partei hinein haben“,
meinte Birgit Laubert, kulturpolitische Sprecherin der Landtagsfraktion
Die Linke/PDS und stellvertretende Vorsitzende des Thüringer Landtags.
In Anwesenheit des Thüringer Kultusministers
Jens Goebel (CDU) und der Landtagspräsidentin Dagmar Schipanski
(CDU) diskutierten prominente Vertreter von Minderheiten und Kulturschaffende
aus ganz Deutschland bei dem Treffen die Zukunft kultureller Identität.
Jochimsen, kulturpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion DIE LINKE,
erinnerte an vernachlässigt Einflüsse auf „unsere bisherige
Mehrheitskultur“: „Juden, Muslime, Sinti und Roma, Menschen
aus dem slawischen Kulturkreis und auch aus Asien und Afrika beeinflussen
die hiesige Kultur. Dabei geht es aber nicht um Multi- Kulti, denn es
bleibt eine deutsche Kultur, die nicht beliebig ist“, sagte Jochimsen.
Auch Bundestagsfraktionschef Oskar Lafontaine hob hervor, dass Deutschland
keine Kulturnation, wohl aber eine Kulturgesellschaft sei, von Mehrheiten
und Minderheiten beeinflusst.
Entgegen dem Ausspruch der Vorsitzenden des Zentralrats
der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, bei der Eröffnung
der Münchener Synagoge sieht der einstige Vizepräsident und
heutige Fernsehmoderator Michel Friedman Juden in Deutschland längst
nicht angekommen. Dies zeige vor allem der wachsende Zuspruch rechter
Parteien und deren Wahlerfolge. „Meine Eltern kommen aus Polen,
ich bin in Paris geboren, in Frankfurt aufgewachsen und ein Jude. Das
lässt keine eindimensionale kulturelle Identität zu“,
sagte Friedman. Die türkischstämmige Schriftstellerin Serap
Cileli forderte von Kultur auch das Setzen von Grenzen. Nicht alles,
was im Namen der Kultur daher kommt, dürfe toleriert werden. Der
Intendant der Neuen Bühne Senftenberg, Sewan Latchinian sah als
Chance, dass die Kultur nach der staatlichen Vereinigung von BRD und
DDR neue Wege gehen könne, „keinen zusammengeführten
Mischmasch, sondern einen neuartigen dritten Weg“. Mit dem Symposium
sei „der Anfang eines Dialogs von Menschen verschiedener Kulturberufe
und unterschiedlichster Herkunft“, erklärte Jochimsen. Im
nächsten Jahr soll das Projekt „KULTUR NEU DENKEN“
fortgesetzt werden und dann die wachsende Rolle der Medien als Teil
von Macht, Freiheit und Kultur thematisieren.
18. November 2006 /
Bayernkurier / Aktuelle
Ausgabe: Jahrgang 57, Nr. 46
Frauen Stimme geben
Zweites Treffen der FU-Netzwerkerinnen
Von Ingo Sommer
Nürnberg – Ein falsches
Toleranzverständnis in der deutschen Mehrheitsgesellschaft kritisierte
die Frauenrechtlerin Serap Cileli auf dem zweiten Netzwerkerinnentreffen
der Frauen-Union. Politik und Gesellschaft müssten dafür sorgen,
dass Türkinnen öffentlich ihre Meinung sagen könnten,
ohne dafür von anderen Muslimen bedroht zu werden. „Wir wollen
den Frauen eine Stimme geben, die nicht für sich selbst sprechen
können“, sagte sie im Hinblick auf patriarchalische Strukturen
und unterdrückte Frauen in vielen Migrantenfamilien. Die 40-jährige
Deutsch-Türkin wurde selbst mit 15 Jahren zwangsverheiratet.
Etwa 120 Politikerinnen und Expertinnen diskutierten unter Moderation
von Barbara Dickmann, Redaktionsleiterin der ZDF-Sendung Mona Lisa,
über die Rolle der Frauen als „Schlüssel zur Integration“.
Für FU-Landesvorsitzende Emilia Müller „müssen
beim Integrationspro¬zess die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen
am politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben sowie die Vermittlung
der deutschen Sprache im Vorder¬grund stehen.“
Bayerns Familienministerin Christa Stewens wies darauf hin, dass die
dritte Generation von hier lebenden Türken oftmals schlechter Deutsch
spreche als ihre Vorgängerge¬neration. Daher fördere die
CSU-Staatsregierung Sprachkurse im Kindergarten. Die CDU-Integrationsexpertin
Michaela Noll betonte das auf 18 Jahre erhöhte Nachzugsalter für
ausländische Ehegatten. Denn die Zwangsverheiratung betrifft oft
schon 12- oder 13-jährige Mädchen.
14. November 2006
/ http://fu.csu-portal.de

2. Netzwerkerinnentreffen der
Frauen-Union

"Frauen - der Schlüssel
zur Integration"
Dialog mit Migrantinnen
"Die deutsche Mehrheitsgesellschaft
hat ein falsches Toleranzverständnis", sagt Serap Cileli,
Frauenrechtlerin und Buchautorin.
Welche Rolle übernehmen Frauen
bei der Integration ausländischer Familien in Deutschland? Darüber
diskutierten Politikerinnen und Expertinnen auf dem 2. Netzwerkerinnentreffen
der Frauen-Union am Samstag im Nürnberger Uhrenhaus. "Ich
sehe Frauen und gerade Mütter in einer Schlüsselrolle bei
der Erziehung der kommenden Generation. Deshalb müssen beim Integrationsprozess
die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen am politischen, wirtschaftlichen
und kulturellen Leben sowie die Vermittlung der deutschen Sprache im
Vordergrund stehen", fordert die Vorsitzende der CSU Frauen-Union,
Emilia Müller.
Parallelgesellschaften
Gerade junge Türken der dritten
Generation heiraten mitunter Frauen, die aus der ländlichen Türkei
nach Deutschland gebracht werden. Diese Ehemänner gewähren
ihren Frauen häufig weniger Freiheits- und Persönlichkeitsrechte
als Frauen, die schon länger in Deutschland leben oder in Deutschland
aufgewachsen sind. Ihre Kinder wachsen zwischen zwei unterschiedlichen
Welten auf. "Viele Migrantinnen" weiß Serap Cileli,
"wollen die Traditionen und Werte aus der alten Heimat bewahren."
Unweigerlich bleibt ihnen der Zugang zu unserer Gesellschaft und Kultur
verwährt. Die Frauen, die in der Regel in ihrer isolierten Welt
leben, erziehen ihre Kinder nach Idealen der ländlichen Türkei
und meist ausschließlich in türkischer Sprache. Das führt
unweigerlich zu Sprach- und Integrationsproblemen in deutschen Schulen,
zu schulischem Scheitern und fördert die Bildung von Parallelgesellschaften.
Frauen eine Stimme geben
"Wir wollen den Frauen eine
Stimme geben, die nicht für sich selbst sprechen können",
betont Serap Cileli. Zu diesem Zweck fordert die CDU Integrationsexpertin
Michaela Noll, Frauen neben dem Erwerb der deutschen Sprache auch gewisse
Grundkenntnisse über das Rechts- und Gesellschaftssystem zu vermitteln,
bevor sie nach Deutschland kommen. Gerade traditionelle erzogenen jungen
Türkinnen wird das Leben in Deutschland oft schwer gemacht",
bestätigt auch die Rektorin der Hauptschule Scharrerstraße
in Nürnberg, Elisabeth Wolf. Sie dürften nicht am Schwimmunterricht
teilnehmen und wie andere Mädchen in ihrem Alter ins Theater oder
Kino gehen. Natürlich gäbe es auch Schülerinnen, die
sich äußerlich an die deutsche Kultur angepasst hätten:
"Aber sobald sie in ihrer Familie sind, gelten andere Regeln."
Bayerische Initiativen
Bayerns Sozialministerin Christa
Stewens kritisiert, dass die inzwischen dritte Generation von hier lebenden
Türken oftmals schlechter Deutsch könne als die Vorgängergeneration.
Daher fördere die bayerische Staatsregierung auch Sprachkurse im
letzten Kindergartenjahr. Für Eltern mit Vorschulkindern gebe es
auch Hausbesuchsprogramme. Speziell geschulte Migrantinnen aus dem gleichen
Kulturkreis leiten hier die Mütter an, ihren Kindern auf Deutsch
Geschichten zu erzählen, zu basteln und zu experimentieren.
Falsches Toleranzverständnis
"Trotzdem hat die deutsche
Mehrheitsgesellschaft immer noch ein falsches Toleranzverständnis",
kritisiert Serap Cileli. Damit sich etwas ändere, müssten
Politik und Gesellschaft dafür sorgen, dass engagierte Türkinnen
öffentlich ihre Meinung sagen könnten, ohne dafür von
anderen Muslimen bedroht zu werden.
>> PDF-Datei downloaden
14.11.2006 /
FrontPageMagazine.com
Germany's Headscarf Scandal
By Stephen Brown
What a woman wears on her head
may literally cost you your head in Germany.
That is what German politician
Ekin Deligoz discovered recently when she called upon Muslim women in
Germany to take off their headscarves. Deligoz, who is Turkish-born,
has long expressed her opposition to the scarf's wearing and wants Muslim
women in her adopted country to lay it aside, believing it is a symbol
oppression and patriarchy. There are more than three million Muslims
in Germany and about two million are Turks or of Turkish descent.
"You live here, so take your
headscarf off," said Deligoz in a German newspaper.
But unlike the veil controversy
in England where the Leader of the House of Commons, Jack Straw, wanted
Muslim women to go about with uncovered faces, Deligoz, a member of
the leftist Green Party in the Bundestag, has received numerous death
threats as a result of her comments. Ninety per cent of the threats,
the Green politician said, were from men. Also unlike Straw, Deligoz
now has joined the lengthening list of European writers, editors and
politicians, among others, who have to accept police protection in their
own countries due to threats from Muslim extremists.
Some German Muslim feminists see
a danger to Germany's legal and social order in the headscarf's wearing,
viewing it as part of the creeping Islamization of German society. Author
Serap Cileli, a champion of Muslim women's rights in Germany, views
the headscarf as outwardly representing the fundamentalist Sharia legal
order rather than a sign of faith. Sharia, in turn, she says, demands
the subordination of women to men. So the head scarf, according to Cileli,
is really a symbol of oppression.
As well, other Muslim feminists
maintain the headscarf, like the veil, is a conscious self-segregation
of its Muslim wearers from Western society and values.
And as the headscarf controversy
flares up in Germany, it isn't only the extremists who are venting their
venom against Deligoz and other German Muslim feminists who oppose its
wearing. In Turkey, the newspaper Yeni Mesaj claimed the Bundestag representative
and another supportive politician, Lale Akgun, also a woman of Turkish
descent, have been "made into Germans in Germany." The two
women have distanced themselves, the report stated, from their Turkish
and Islamic identity, remaining Turkish in name only. The newspaper
also said Deligoz and Argun are using Nazi-like logic in calling for
the headscarf's disappearance.
In truth, the only ones using
Nazi-like logic here are the newspaper's editors, especially with their
reference to race with the inference of the superiority of one over
the other. Moreover, their hate-filled comments make it obvious why
the integration of Muslim immigrants has failed in so many European
countries.
As expected, not much support
for Deligoz is forthcoming from Muslim associations in Germany. While
they condemned the death threats, according to a newspaper report, the
associations sharply criticized their co-religionist. The chairman of
one Muslim organization said Deligoz's comments were nonsense. What
is important for him, he continued, is "that she is allowed to
spread this foolishness." All of which, again, clearly shows the
disturbing attitude of some Muslim leaders living in European societies
toward the Western tradition of freedom of expression.
Moreover, some Muslim women teachers
in German schools, where the wearing of the headscarf by instructors
is forbidden, are offering resistance to this dress-code regulation.
In the state of North Rhineland-Westphalia, where the ban came into
effect last May, several Muslim teachers continued to show up in class
with covered heads. It was last reported discussions were being held
with the malefactors before implementing any disciplinary measures,
which include dismissal.
In another well-known case, a
Muslim teacher in different German state even tried to overturn the
headscarf regulation in court, but failed. Muslim teachers have also
tried to get around the headscarf ban in the classroom by decorating
their head coverings and presenting them simply as a fashion accessory
and not as "a religious-political symbol." This, according
to one school official, has created a "grey zone." But another
German school official, exercising more firmness and common sense, said
the redecorating of the scarves to evade the law will not be tolerated.
But all the news is not bad. Emal
Algan, the daughter of the founder in Germany of Milli Gorus (National
Vision), a large, radical Turkish Muslim organization, laid aside her
headscarf last year. Until then, the 44-year old Algan had led a typical
life for a Turkish woman. Promised in marriage at sixteen, married at
nineteen and the mother of six children, she had led a sheltered existence.
Bearing her father's famous name, however, had given her standing in
Germany's large Turkish community, where the now divorced German-Muslim
was honorary chairperson for years of Milli Gorus' women's association.
In a newspaper interview last
year, Algen said that without the identifying head scarf, she was now
just "one of many" and was looking forward to a scarfless
life,
"Almost every door is open
to me now, and I step through inconspicuously," she said.
And although many of her former
Muslim friends have shunned her since her decision, Algen did not regret
taking off the scarf, giving as her reason what should be the last word
for any Muslim woman considering the same move: "My head belongs
to me."
04.11.2006
/ Neue Osnabrücker Zeitung
Von Kristina Löpker
Der Koran aus Sicht der Frau
„Feminismus im Islam“:
Spagat zwischen Emanzipation und Tradition
Sie haben Mut gezeigt – und werden dafür verfolgt: Muslimische
Frauen, die sich gegen den traditionellen Islam stellen, müssen
mit Morddrohungen oder einem Leben im Exil rechnen. Dennoch gibt es
eine feministische Bewegung im Islam. Immer mehr Frauen kämpfen
für ihre Rechte. Gehör finden sie nur langsam.
01.11.2006
/ ZEIT online
Die Macht der frechen Frauen
Seit den Todesdrohungen gegen
die Abgeordnete Deligöz tobt der Kampf der Kulturen inmitten des
muslimischen Lagers. Starke Frauen wehren sich gegen Bevormundung -
und Machos kommen ins Torkeln
Von Jörg Lau
Die Debatte wird zum Glück
nicht mehr nur zwischen Deutschen und Türken, Christen und Muslimen,
zwischen Mehrheit und Minderheit geführt. Der Kampf der Kulturen
findet tatsächlich statt, aber zunehmend innerhalb der jeweiligen
Lager. Es stehen auch im Islam immer häufiger selbstbewusste Reformer
gegen Konservative. Heute sind es vor allem Frauen mit - schreckliches
Wort - Migrationshintergrund, die sich den Mund nicht mehr verbieten
lassen und ihre Rechte einfordern - so wie die Anwältin Seyran
Ates, die Soziologin Necla Kelek, die Autorin Serap Cileli, die SPD-
Abgeordnete Lale Akgün und nun auch die Grüne Ekin Deligöz.
Die deutschen Türken könnten eigentlich stolz sein, eine ganze
Reihe solcher bemerkenswerter Frauen hervorgebracht zu haben.
20.10.2006
/ Remscheider General- Anzeiger
Frauenrechtlerin Serap Cileli
gegen falsches Toleranzverhalten
(Sö). "Es ist gesund,
seine Frau von Zeit zu Zeit zu schlagen. Und wenn du nicht weißt,
warum du es tust - sie weiß es." Das ist eines der Sprichwörter,
mit dem die Besucherinnen und Besucher des Vortrags der Schriftstellerin
und Frauenrechtlerin Serap Cileli konfrontiert wurden.
Überall im gefüllten
Raum in den Bürgerhäusern ist ungläubiges Nach-Luft-Schnappen
zu hören - auf männlicher wie auf weiblicher Seite. In erschütternder
Weise erzählt Serap Cileli von ihrer Arbeit, von ihrem Leben und
auch von den allgemeinen Vorstellungen der männlichen Muslime und
der muslimischen Welt.
Zwangsheiraten, Inzest, Vergewaltigung,
Gewalt und, im schlimmsten Fall, "Ehrenmorde" gehören,
laut Cileli, als still geduldete Bestandteile zum muslimischen Leben.
"Die Jungen lernen von Anfang
an, dass Frauen wertlose, intregrante und untreue Wesen sind. Sie wachsen
auf ohne Respekt vor der Würde und Intelligenz der Frau. Sie lernen,
ihre Schwestern zu schlagen, wie ihr Vater ihre Mutter schlägt
und sie später ihre Frauen", führt die sympatische Deutsche
mit Wurzeln in der Türkei aus und sieht ihren Zuschauer(inne)n
dabei in die Augen.
"Die Würde des Menschen
ist unantastbar", zitiert sie aus dem Grundgesetz, und die heute
selbstverständliche Basis des Zusammenlebens klingt vor der Liste
mit Verbrechen gegen die muslimischen Frauen plötzlich unerreichbar.
Und es passiert nicht etwa nur
in verschlafenen Winkeln der Türkei, sondern hier in Deutschland.
Serap Cileli trägt Begebenheiten, Fallbeispiele und Traditionen
vor.
Junge Mädchen im Alter von 15 Jahren oder jünger würden
in die Türkei zwangsverheiratet - an Cousins oder ältere Männer
verschachert oder weitergegeben.
"Das sind Kinder ohne Kindheit,
die das Vertrauen in andere Menschen verlieren und mit ihrem düsteren,
schweren Geheimnis leben müssen", weiß Cileli.
Wichtigste Eigenschaft der Braut:
Ihre Jungfräulichkeit. "Oft kommen Mütter mit ihren Töchtern
zu mir und wollen wissen, ob ich einen Arzt weiß, der den Mädchen
ihre Jungfräulichkeit wiedergibt", beschreibt Serap Cileli
einen Teil ihrer ehrenamtlichen Arbeit. Der Preis für die Familienehre
liege somit bei 500 bis 1 500 Euro.
ab Cileli zitiert eine Sure aus
dem Koran, in der von beiden Geschlechtern Enthaltsamkeit bis zur Ehe
gefordert wird. "Jede Frau weiß, dass die muslimischen Männer
sich ihre Hörner abstoßen. Meist mit nicht muslimischen Mädchen",
spricht die Frauenrechtlerin das offensichtlich Bekannte aus.
Dennoch wird die Jüngfräulichkeit
der Mädchen aufs Schärfste behütet. Wenn in der Hochzeitsnacht
nämlich nicht die so genannte "Ehrenrose", also der Blutfleck
auf dem Laken zu sehen sei, gebe es keinen Beweis für die Ehrenhaftigkeit
der Braut.
Dann müsse die Ehre der Familie
"wiederhergestellt" werden. Und das passiere heute noch unter
anderem durch "Ehrenmorde", die öfter als Selbstmord
oder Unfall getarnt seien.
Das sei aber beinahe nicht nötig,
da im Namen der Ehre auf allen Seiten Schweigepflicht herrschen würde,
weiht die mutige Frau ein, die für ihr Engagement 2005 das Bundesverdienstkreuz
und 2006 den Preis für Zivilcourage erhalten hat.
48 "Ehrenmorde" hat
das Bundeskriminalamt im Zeitraum von 1996 bis 2005 offiziell in Deutschland
verzeichnet. Serap Cileli schätzt, dass die Dunkelziffer viel höher
ist.
Und wenn die Tochter ihren Mördern
entwischt, dann fahndet die Familie nach ihr, um sie zum Selbstmord
zu bewegen oder sie eigenhändig zu töten. "Ich gebe den
Mädchen dann eine neue Identität; aber das wird öfter
aufgedeckt", bedauert Cileli. Die muslimischen Familien seien gut
organisiert.
Sie selbst ist, weil sie vor Zwangsheirat
flüchtete, von ihrer Familie verstoßen und für tot erklärt
worden. Serap Cileli hat selbst einen Leidensweg hinter sich. Und sie
ist froh, dass sie bei den Deutschen ein offenes Herz und Ohr für
das Los muslimischer Frauen findet.
Sie begrüßt außerdem
das Medieninteresse. "Aber es muss sich etwas tun; sonst schließen
die muslimischen Eltern demnächst ihre Kinder nicht nur vom Schwimmunterricht
aus, sondern forndern getrennte Tische und Toiletten in unseren Schulen",
prognostiziert Cileli.
Hikmet Feridum Demir lebt seit
26 Jahren in Wermelskirchen, und er prophezeiht sogar Kreuzzüge,
wenn sich nicht etwas tut. Diskussionen werden laut. "Wo leben
wir denn hier?", wird in den Raum gerufen.
"Wir brauchen ein Signal
in der Gesellschaft! Elternkurse müssen angeboten werden, Deutschkurse
müssten Pflicht sein", fordert Serap Cileli. Deutsch sei der
Schlüssel zur Integration.
Unverständnis bis hin zur
Fassungslosigkeit spiegeln sich in den Beiträgen der Anwesenden
wider. "Wir haben ein falsches Toleranzverhalten", scheint
das naheliegende Fazit des Abends zu sein. Es wird aus allen Ecken laut.
Cileli betonte auch, dass es natürlich
Muslime gäbe, die in liberalen Familien lebten. Aber das konnte
den Kloß im Hals nicht mehr schrumpfen lassen, nachdem so viele
Beispiele von Mord, Vergewaltigung und Gewalt an die Zuhörerinnen
und Zuhörer herangetragen worden waren.
Betroffenheit und Hilflosigkeit
liegt in dem Blicken. "Was können wir tun?", lautet die
Frage, die sich stellt. "Ihre Hilfe hat Grenzen", erinnert
die Vortragende, die manche ihrer Lesungen unter Polizeischutz abhalten
muss und teilweise von Familien belagert und bedroht wird.
"Nähern sie sich vorsichtig
an", rät sie den Hilfsbereiten, als spreche sie von einem
gefährlichen Tier. Am besten sei es zu handeln, wenn Betroffene
selbst Initiative zeigten.
Es sei ein Gesetz in Kraft getreten,
wonach Zwangsehe als "schwerste Nötigung" anerkannt ist.
Dieses Gesetz wurde nach Inforamtionen von Serap Cilelis noch nicht
in Anspruch genommen.
Serap Cileli hat auf ihrer Homepage
ein Mahnmal für Frauen errichtet, die Ehrenmorden zum Opfer gefallen
sind. "Eine Geschichte und ein Name darf nicht vergessen werden",
lautet ihre Devise
Es gibt also keinen handfesten
Hilfsplan, doch dass etwas passieren muss, war allen Anwesenden am Ende
ins Herz geschrieben.
12.10.2006
/ taz- NRW (TAZ- Bericht), MANFRED GÖTZKE
/ S. 2, 133 Z.
Feldzug gegen die Fesseln
Was tun gegen Zwangsverheiratung?
Integrationsminister Armin Laschet will das Nachzugsalter für MigrantInnen
erhöhen. ExpertInnen sind sich uneins, ob das hilft oder reiner
Populismus ist
VON MANFRED GÖTZKE
Der nordrhein-westfälische
Integrationsminister Armin Laschet (CDU) sagt der Zwangsehe den Kampf
an. Er schlägt vor, dass in Zukunft verheiratete Frauen erst dann
zu ihrem Mann nach Deutschland ziehen dürfen, wenn sie mindestens
18 Jahre alt sind. Damit will Laschet verhindern, dass Familien ihre
Töchter gegen deren Willen im Ausland verheiraten, um sie dann
zu ihrem fremden Mann nach Deutschland zu holen. Bundesinnenminister
Wolfgang Schäuble (CDU) setzt sich sogar dafür ein, das Nachzugsalter
auf 21 Jahre zu erhöhen. Eine Entscheidung des schwarz-roten Bundeskabinetts
dazu steht in den nächsten Monaten an.
Wie viele junge Frauen in NRW
zwangsverheiratet werden, ist nicht bekannt. 2002 wurden allerdings
allein in Berlin 230 Fälle dokumentiert. Die Kölner Beratungsstelle
für Migranntinnen "agisra" kümmert sich jedes Jahr
um etwa 50 betroffene Frauen.
"Das geplante Gesetz ist
absurd. Es wird die Probleme nur verstärken", sagt Ida Schrage
von agisra. Die Mädchen würden weiterhin mit 16 im Ausland
verheiratet und dann eben zwei Jahre später nach Deutschland geholt.
"Dann haben sich die Paare nur noch weiter entfremdet", sagt
Schrage. Statt Familien zu kriminalisieren, müsse man mit ihnen
reden. "Man muss klarmachen, dass der Koran den Familien keineswegs
gebietet, über das Leben ihrer Töchter zu entscheiden."
Die Frauenrechtsorganisation "Terre
des Femmes" steht dagegen hinter den Plänen der NRW-Landesregierung.
"Wir befürworten alle Gesetze, die die Heirat von Minderjährigen
beschränken", sagt Rahel Volz, Referentin für Frauenrechte
in islamischen Gesellschaften. Dieses Ziel sieht sie beim Vorschlag
Schäubles, das Nachzugsalter auf 21 Jahre anzuheben allerdings
nicht. "Das würde vor allem die Zuwanderung beschränken",
sagt Volz. Gegen Zwangsheiraten könne Laschets Gesetz nur ein Baustein
sein, diese könnten so keineswegs verhindert werden. "Wir
erreichen damit nicht die Wurzeln des Problems."
Doch die Wurzeln zu bekämpfen
kostet Geld: "Wirklich sinnvoll sind Präventionsmaßnahmen
von Jugendämtern und Schulen, die die Wertvorstellungen in den
Familien verändern", so Volz. Noch gibt es solche Maßnahmen
nicht, die Landesregierung arbeitet an einem Konzept. Zudem, beklagt
Volz, fehlen Einrichtungen, die junge Frauen aufnehmen, wenn sie sich
aus einer Zwangsehe lösen wollen - oder einen drohenden Verheiratung
entziehen. Denn das Problem besteht auch in Deutschland: 30 Prozent
aller Mädchen, die Beratungsstellen für Migrantinnen aufsuchen,
"sagen, sie seien von Zwangsheirat bedroht", erklärt
die Autorin Serap Cileli (siehe Interview). Für solche Fälle
gab es bis Februar dieses Jahres das Mädchenhaus Rabea als Zufluchtsort.
Um die Mädchen und Frauen vor ihren Familien zu schützen,
war nicht einmal bekannt, in welcher Stadt sich Rabea befand.
Obwohl es das einzige Mädchenhaus
dieser Art in NRW war, wurde Rabea geschlossen. Als Anfang des Jahres
Landesmittel für Frauenhäuser gekürzt wurden, fiel Rabea
über die Klippe. "Wir haben das nie verstehen können",
sagt Ida Schrage von agisra. Sie hat früher viele junge Frauen
an das Mädchenhaus vermittelt. "Die Mädchen haben da
einen Familienersatz gefunden."
Nicht nur agisra hält Laschets
Vorschlag für falsch. "Ich finde es diskriminierend, wenn
in Deutschland 16-Jährige mit Erlaubnis der Eltern heiraten dürfen,
junge Türkinnen, die einwandern wollen, aber nicht", sagt
Mekonnen Mesghena, Migrationsexperte bei der Heinrich-Böll Stiftung.Den
Vorstoß des NRW-Ministers verbucht Mesghena vor allem als Versuch,
beim Dauerbrenner Integration populistisch zu punkten. "Das Thema
Zwangsheirat wird derzeit gerne aufgegriffen. Wirkliche Integration
kostet aber viel Geld.
12.10.2006
/ taz- NRW (Interview), MANFRED GÖTZKE /
S. 2, 93 Z.
"Auch hier gibt es Zwangsverheiratungen"
Die Autorin Serap Cileli unterstützt
Laschets Initiative, fordert aber auch mehr Aufklärungsarbeit in
Familien
taz: Frau Cileli, sollte das Nachzugsalter
für Ehefrauen auf 18 angehoben werden?
Serap Cileli:
Es sollte sogar auf 21 Jahre angehoben werden. Ich unterstützte
da voll den Vorschlag des Innenministers Wolfgang Schäuble. Allerdings
reicht das nicht: Es muss mehr Aufklärungsarbeit gemacht werden.
In den Schulen und in den Familien muss mehr informiert werden.
Befürchten sie nicht, das
Gesetz könnte die Zuwanderung einschränken?
Ich denke nicht. Es werden dadurch
vor allem die Rechte der Frauen geschützt. Und das ist auch mit
einem solchen Gesetz schwierig genug: In vielen Fällen ist uns
das Alter der Frauen nicht bekannt. Ich habe einige zwölf- oder
14-jährige Frauen beraten, die angeblich schon 18 waren. Das gibt
es in Ländern wie der Türkei häufiger: Es fehlt die Geburtsurkunde
und bei der Heirat in der Türkei wird einfach ein höheres
Alter in den Ausweis geschrieben.
Zwangsehen werden auch in Deutschland
geschlossen. Wie akut ist das Problem der Zwangsehe hier?
Generell sind die türkischen
Mädchen hier viel emanzipierter.
Sie wissen, welche Freiheiten und Rechte sie hier haben und sie haben
in der Schule auch einen Ausgleich zum Familienleben. Trotzdem gibt
es auch hier Zwangsverheiratungen. 30 Prozent der Mädchen, die
zu Beratungsstellen für Migrantinnen gehen, sagen, sie seien von
Zwangsheirat bedroht. Das sind zwar nur Schätzungen. Aber auf jeden
Fall sind es viel mehr, als wir bislang dachten.
Wie können Zwangsheiraten
verhindert werden?
Wir brauchen bundesweit Beratungsstellen
und Kriseneinrichtungen, an die sich junge Frauen richten können,
wenn sie vor ihrer Familie fliehen. Wir brauchen aber auch eine Kriseneinrichtung
in der Türkei. Der türkische Staat muss sich um Frauen kümmern,
die aufgrund von Zwangsheiraten in die Türkei verschleppt werden.
Dann müssen Möglichkeiten geschaffen werden, die Frauen zurückzuholen.
Wenn eine junge Frau mehr als sechs Monate im Ausland ist, verwirkt
sie ihr Aufenthaltsrecht in Deutschland.
Wie kann man besser an die Familien
herankommen?
Das ist das größte
Problem. Man muss versuchen, mit Familienmitgliedern zu reden, wenn
die Tochter oder der Sohn zwangsverheiratet wurde. Das wird zum Teil
auch schon gemacht. Das Problem beginnt aber schon viel früher.
Die Kinder kommen meist nicht in den Kindergarten, dazu muss der Staat
die Familien verpflichten. Deutschkurse müssen Pflicht sein, Kindergartenplätze
müssen Pflicht sein. Und da muss der Staat natürlich nicht
nur fordern, sondern auch fördern und Plätze für alle
Kinder zur Verfügung stellen.
06.10. 2006
/ Main-Echo
Von den Eltern zur Heirat genötigt
Von Dr. Heinz Linduschka
Serap Cileli spricht vor Schülern in Elsenfeld über „Zwangsehen“,
„Ehrenmorde“ und Chancen der Integration.
27. Sep. 2006 /
World Politics Watch Exclusive
A Matter of Honor, Your Honor?
Von Rhea Wessel
Rhea Wessel, a freelance writer based in Frankfurt,
is at work on a book about honor killings in Europe called "Honor
Killings in Our Midst."
September 2006
/ Gegenwind Nr. 216
Von Reinhard Pohl
Bücher:
Zwangsehe und Nestbeschmutzung
Im Internet gibt es viele Diskussionsforen.
Hier toben sich häufig Nazis aus, weil sie im Schutze der Anonymität
mehr sagen können als öffentlich mit Namensnennung. Türkische
Nazis beschimpfen hier hauptsächlich türkische Frauen, die
sich öffentlich äußern. Eines Ihrer Lieblings- Hassobjekte
ist Serap Cileli.
Serap Cileli ist eine harte Kritikerin
der Integrationspolitik in Deutschland. Sie ist der Überzeugung,
der Staat sollte auf diesem Gebiet die eigenen Werte hart und entschlossen
durchsetzen. „Toleranz“ gegenüber dieser vermeintlichen
Tradition ist für Betroffene schnell tödlich. Sie will die
islamisch-türkischen Verbände, die das Problem der Zwangsehe
ignorieren, kleinreden und schlimmstenfalls verteidigen, aufbrechen
dadurch, dass Menschenrechte und Frauenrechte Pflichtfach in allen Schulen
werden und SozialarbeiterInnen direkt in die Familien gehen. Für
diese Frage akzeptiert sie keine Privatsphäre, weil die Privatheit
des Mannes den Tod der Frau bedeuten kann.
Zitate aus einem türkisch-
nationalistischen Internetforum:
„Bevor ich es vergesse,
diese beiden Frauen begehen Rufmord, indem sie die muslimische Gesellschaft
in Verruf bringen und vor allem den Ruf der Moslems in Deutschland vernichten
bzw. noch verschlimmern. Kann man die verklagen?“ („sahika26
im Forum „politikcity“ am 17.7.06)
„Anatolien ist rot vom Blut
dieser Frauen“, sagt sie. Oh mein Gott. Wie kann man Anatolien
und seine familiäre und freundliche Gesellschaft so verachten und
diffamieren. Die soll sich ihren Preis sonst wo aufhängen“.
(„zübeyde“ am 14.7.06 im Forum „„politikcity“)
„Was diese Leute (Cileli)
tun, ist keine Form der Kritik, sondern und vielmehr eine Form der Zerstörung,
der Demontage der eigenen Kultur in der Fremde. Vor allem aber ist es
ein Akt der würdelosen Zerstörung oder sagen wir besser, der
klägliche Versuch dessen. Dies deswegen, weil jene in der Tat etwas
Unwürdiges tun, nämlich die eigenen Schwestern und Brüder
auf eine noch nie da gewesene Art und Weise als kollektiv in den Dreck
zu ziehen“. („ali ria ashley “ am 10.7.06 im Forum
„„politikcity“)
„Es gibt nichts zu berichten….
Diese Cileli und die anderen zwei Außenseiter, schreiben meiner
Meinung nach aus einer Realität, die es allein in ihren Köpfen
so gibt……. Wenn diese lustigen Außenseiter nicht so
komisch wären, hätte ich Sie längst wegen Volksverhetzung
angezeigt“. („ali ria ashley “ am 09.7.06 im Forum
„„politikcity“
2006 Stadtteilzeitung
Hohenberg
Serap Cileli im Horber Kloster
Ein Lese- und Diskussionsabend mit der türkischstämmigen Frauenrechtlerin
Text: Lizzy Schmid, Projekt Zukunft
16.08.2006
/ Hallo Elbe
Themenabend in Altona: Muslimische
Frauen zwischen Tradition und Moderne
Es ist eine Wahrheit, die viele türkischstämmige Hamburger
eher noch nicht hören wollen.
16.08.2006
/ Altonaer Wochenblatt
Serap Cileli zu Gast in Altona
Vorkämpferin für die Rechte muslimischer Frauen spricht im
Rathaus
26. 07. 2006
/ bella / Nr. 31
bella Report:
„Jede Frau sollte aus Liebe heiraten“
Von Bruntje Thielke
25.07.2006
/ Echo-online / Odenwälder
Echo
Zwangsheirat: Das Schweigen brechen
Gesellschaft: Arbeitskreis will auf das stille Leiden von Mädchen
und Frauen in Ausländerfamilien aufmerksam machen
Von Birgit Reuther
ODENWALDKREIS. Die Frauen und
Männer des 2002 gegründeten Arbeitskreises „Gewalt gegen
Migrantinnen“ sind sich einig: Auch im Odenwaldkreis sind viele
Mädchen und Frauen aus anderen Kulturkreisen von häuslicher
Gewalt betroffen. Und sie brauchen gezielt Unterstützung und Hilfe,
weil dies aus den Familien selbst nur selten zu erwarten ist. Dabei
stellen Zwangsheirat und Ehrenmorde, die jüngst auch in Südhessen
aufgeschreckt haben, nur die Spitze des Eisbergs dar.
Mit einem Flyer geht der Arbeitskreis
nun einen Schritt weiter: Das Faltblatt soll die so genannten Multiplikatoren
– Lehrerinnen, Ärzte, Jugendbetreuer, Mitarbeiter von Beratungsstellen,
Ämtern und Institutionen sowie weitere Menschen, die in Beruf oder
Freizeit mit Mädchen und Frauen aus Ausländerfamilien zu tun
haben – auf den Arbeitskreis aufmerksam machen. Wer mit Gewalt
an Migrantinnen konfrontiert wurde, soll Gelegenheit zum fachlichen
Austausch, zu Rat und Hilfe bekommen. Schließlich hatten die Initiatoren
zuvor über eine kreisweit gestartete Fragebogen-Aktion erfahren,
dass bei vielen Fachleuten Bedarf nach Vernetzung und Fortbildung besteht.
Ziel ist zudem, eine Einschätzung
über das Ausmaß häuslicher Gewalt an Migrantinnen im
Odenwaldkreis zu erhalten. Und trotz aller Hinweise auf die Finanznot
der öffentlichen Hand will sich der Arbeitskreis auch dafür
einsetzen, dass – irgendwo in der Region – für die
Betroffenen eine Anlaufstelle wie auch eine Notunterkunft geschaffen
werden. Bisher müssen viele ausländische Mädchen und
Frauen, die dringend eine sichere Zuflucht brauchen, in Kriseneinrichtungen
anderer Bundesländer untergebracht werden.
Ebenso soll die öffentliche
Aufklärung über diese Problematik vertieft und versachlicht
werden. Denn den Fachleuten ist bewusst, dass es dabei nicht nur um
vorwiegend männliche Gewalt in islamisch geprägten Familien
geht: „Gewalt in Familien ist kein Migranten- oder islamisches
Problem – ihre Ursachen sind in den patriarchalischen Gesellschaftsstrukturen
zu suchen“, stellt die Odenwälder Frauenbeauftragte Amarelle
Opel klar. Sie koordiniert den Arbeitskreis, dem auch die türkische
Autorin Serap Cileli und Bijan Monazah vom Diakonischen Werk Odenwald,
Mitarbeiter des Staatlichen Schulamts, des Frauenhauses Erbach, der
Arbeitsgemeinschaft Odenwälder Frauen, des Kreisjugendamts, der
Jugendpflege Bad König und der Diakonie Frankfurt angehören.
Dass auch im Odenwald die Menschenrechte
von Mädchen und Frauen aus Ausländerfamilien mitunter mit
Füßen getreten werden, wird vor allem im Gespräch mit
Serap Cileli klar: Die im Odenwald lebende, einst selbst unter Zwangsheirat
leidende Türkin wirkt seit Anfang 1994 ehrenamtlich und bundesweit
als Ansprechpartnerin für von Gewalt betroffene Migrantinnen. 2005
wurde die Menschenrechtlerin für ihr Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz
ausgezeichnet.
Allein aus dem Odenwaldkreis haben
sich von Januar 2000 bis April diesen Jahres 25 von häuslicher
Gewalt betroffene türkische und kurdische Mädchen oder Frauen
sowie eine junge deutsche Frau mit türkischem Ehemann an Serap
Cileli gewandt. Die meisten von ihnen waren 14 bis 21 Jahre jung. 13
waren von Zwangsheirat bedroht oder bereits betroffen, fast die Hälfte
der Hilfesuchenden hatte einen Suizidversuch hinter sich. „Zwangsheiraten,
Zwangsverschleierung, Misshandlungen, Missbrauch und das Verstoßen
aus der Familie sind auch hier an der Tagesordnung“, weiß
die Autorin und Mutter. Opfer sind sogar minderjährige Mädchen;
und da Zwangsheirat die Familienzusammenführung ermöglicht,
werden sie mitunter auch als „Einwanderungsticket“ missbraucht.
„Die Mädchen werden
von Kindesbeinen an der Tradition gemäß erzogen, nicht zu
widersprechen. Für Wohl und Ehre ihrer Familien nehmen sie Einschränkungen
ihrer Rechte und Zwänge hin. Ein Unrechtsbewusstsein gibt es in
diesen Familien nicht“, nennt Serap Cileli Hintergründe.
„Diese Mädchen und Frauen leben in ständigem Konflikt
zwischen der kulturellen Tradition ihrer Herkunftsländer und den
Lebensformen der deutschen Gesellschaft. Meist haben sie niemanden,
dem sie sich anvertrauen können. Sie fühlen sich von den Deutschen
unverstanden, hilflos und ihrem Schicksal ausgeliefert, brauchen aber
Zuspruch, Vertrauen, Solidarität und Betreuung – am besten
unter Bedingungen, unter denen sie sich verstanden fühlen.“
Die meisten Mädchen wenden
sich zuerst an ihre Lehrerinnen, viele nehmen aber auch über Cilelis
Homepage Kontakt auf. Und da Zwangsheirat oft mit häuslicher und
sexueller Gewalt einhergeht, die vielfach zu Krankheiten führen,
sollten auch die Ärzte sensibilisiert werden. Auch beim Odenwälder
Frauenhaus haben sich schon mehrfach Zwangsverheiratete und von Ehrenmord
bedrohte Migrantinnen gemeldet.
Die türkische Menschenrechtlerin
ist unter www.serap-cileli.de
im Internet zu erreichen.
10.07.2006
/ www.igfm.de / Presse:
IGFM
Foto: © IGFM
Gegen Zwangsehen und Ehrenmorde
Eindrucksvolle Informationen aus
erster Hand
Zum Thema "Menschenrechte im Vergleich Christentum und Islam"
hatte die IGFM Gruppe in Karlsruhe unter der engagierten Leitung von
Dr. Renate Seyrich zwei hochkarätige Referentinnen eingeladen.
"Wir sind eure Töchter, nicht eure Ehre"
Die Publizistin Serap Cileli, 1966 in der Türkei geboren, heute
deutsche Staatsbürgerin, hat seit 1994 über 200 Frauen und
Mädchen im Alter von 12 Jahren bis 54 Jahren betreut, die von Zwangsehe
bedroht oder betroffen sind. Zu ihrer Klientel gehören auch einzelne
türkische Jungen. Im Alter von 15 Jahren war sie selber zur Ehe
gezwungen worden. Eindrucksvoll ist das in ihrer Biographie "Wir
sind eure Töchter, nicht eure Ehre" belegt.
Parallelwelt mit eigenen Gesetzen
Frau Cileli skizzierte zu Beginn
das Entstehen einer eigenen islamischen Welt in Deutschland mit über
3000 Moscheen, organisierten Pilgerfahrten nach Mekka und sich radikalen
Gruppen zuwendenden Jugendlichen. Die religiöse Ausrichtung der
Muslime in Deutschland und Europa nehme zu. Man könne Bücher
mit Gebrauchsanleitungen zum Verprügeln der Frau erwerben. Die
Ehre der Frau, besonders ihre Keuschheit, sei ein Schlüsselbegriff.
Nach türkischer Vorstellung sei die Ehe eine Vereinbarung zwischen
zwei Familien. Von Zwangsheirat betroffene Frauen in Deutschland werden
dabei mit einem Mann in der Türkei verheiratet. Die Tötung
einer für ehrlos befundenen Frau erfolgte nach einem Familienrat.
Viele angebliche Selbstmorde seien Ehrenmorde. Frau Cileli sprach von
etwa 5000 Ehrenmorden jährlich weltweit bei einer hohen Dunkelziffer.
Es gebe eine Parallelwelt mit eigenen Gesetzen.
Mohammeds deutsche Töchter
Die Sozialwissenschaftlerin Frau Dr. Hiltrud Schröter ist Trägerin
des Elisabeth- Selbert-Preises des Landes Hessen, IGFM Mitglied und
Autorin von in Buchform erschienenen Studien wie "Mohammeds deutsche
Töchter" und "Ahmadiyya- Bewegung des Islam". Sie
hatte als Lehrerin zum Teil rein muslimische Klassen unterrichtet. Später
hatte sie Arabisch gelernt und als Wissenschaftlerin an der Universität
Frankfurt/Main den Alltag von Migrantinnen untersucht. Eine Spezialität
von ihr ist der Vergleich von westlichen und islamischen Rechtsvorschriften
über die Stellung der Frau. Sie legte unter anderem den Unterschied
von islamischen Auffassungen gegenüber der "Allgemeinen Erklärung
der Menschenrechte" vom 10. Dezember 1948 dar. So stehen die Menschenrechtserklärungen
des "Islamrates für Europa" vom 19. September 1981 und
die "Kairoer Erklärung über die Menschenrechte im Islam"
vom 5. August 1990 unter dem Gesamtbezugspunkt der Scharia, des islamischen
Rechtes.
Menschenrechte contra Männerrecht
Artikel 20 der Menschenrechtserklärung des Islamrates für
Europa sagt aus: "Die Männer stehen über den Frauen"
und Artikel 12 beschränkt Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit
auf die Grenzen der Scharia. Nach der von allen Muslimen anerkannten
Hadith- Sammlung von Buchari an beispielsweise das Blut eines Moslems
vergossen werden, der von seiner Religion abfällt. In der islamischen
Lehre gibt es die Geschlechtsvormundschaft des Mannes und im Koran ist
die Eheschließung eines Kindes erlaubt. 67 Prozent der Ehen in
der Türkei seien arrangiert, so Frau Dr. Schröter. Die in
der islamischen Welt dominierende Frauentauschlogik mit ihrer kulturtraditionellen
Unterdrückung der Frau kontrastiert mit der Logik der Anerkennung
der Frau als gleichberechtigte Person.