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10.11.2006 / Goslarer Zeitung

„Der Himmel der Frau ist unter den Füßen des Mannes“

Unter Polizeischutz nahm am ersten Frankenberger Winterabend dieser Saison Serap Cileli die gut 200 Besucher im Kleinen Heiligenkreuz mit auf einen Weg, der die meisten Zuhörer nicht unberührt ließ.


30.11.2006 / F.A.Z./ Nr. 279 / Seite 9

Daß du keine Schande bringst

Wie sich die Deutschtürkin Serap Çileli gegen ihre Familie eine eigene Familie erkämpfte

Von Timo Frasch

FRANKFURT, im November. Serap Çileli war 22 Jahre alt und gegen ihren
Willen schon sieben Jahre verheiratet, als sie in ihrem Heimatort Mersin
die Idylle durchs Fenster sah, nach der sie sich selbst immer gesehnt hatte:
In der gegenüberliegenden Wohnung saß die ganze Familie um einen großen Tisch,
und alle lachten über den schon erwachsenen Sohn, der mit einem Kochlöffel auf
einen Topf trommelte. Ali. Der Weg nach nebenan war lang. Er dauerte Jahre.
Heute ist Serap Çileli mit Ali verheiratet, mit dem Mann, den sie jahrelang nicht heiraten durfte, den sie schließlich heiraten mußte, sonst hätte ihr Vater sie, wie er ihr mitteilen ließ, um die Welt gejagt wie ein Tier.

Ali. Ohne ihn hätte sie es wohl nicht geschafft, aus ihrem Gefängnis auszubrechen, sagt Serap Çileli, während ihr Mann ihr eine Marlboro reicht. Er ist ihr nach Deutschland gefolgt. Er hat sie unterstützt, nachdem sie mit ihren beiden Kindern vor ihrer Familie geflohen war. Er hat als Illegaler in einer Dönerbude geputzt und auf deutschen Bahnhöfen geschlafen. Und er brachte ihr vom Flohmarkt eine Schreibmaschine mit und ermutigte sie, ihre Tagebücher an Verlage zu schicken. Die schrieben ihr jahrelang zurück: "Interessante Geschichte, aber zu brisant für Deutschland." Alis Familie und die seiner Frau unterscheidet eigentlich nicht viel. Beide kommen aus dem türkischen Mittelstand, beide aus einer Touristenstadt am östlichen Mittelmeer. Alis Vater hatte einen Marmorvertrieb, Seraps Vater eine Schreinerei. Alis Mutter ging bis zur fünften Klasse zur Schule, Seraps Mutter sogar bis zur neunten. In Deutschland herrsche immer noch die Vorstellung, daß nur ungebildete anatolische Bauern wie im Mittelalter lebten, sagt Serap Çileli. Das sei ein großer Irrtum. Ihr Bruder habe sich als Flugzeugbauingenieur mit einem 17 Jahre alten türkischen Mädchen verheiratet. Und von den Türkinnen, die in Deutschland auf den Universitäten studieren, trügen viele Kopftuch und seien von islamistischen Organisationen gezielt dorthin geschickt worden, um später wichtige Positionen einnehmen zu können. Der deutsche Staat verstehe das aber noch immer nicht, sagt Serap Çileli. Er lasse sich täuschen von den Masken der Islamisten, von geschliffener Rede und Tagen der offenen Tür. Von dem, was in Köln oder in Neukölln passiere, hätten die meisten wenig Ahnung.

Mittlerweile gibt es einige Türkinnen in Deutschland, die so sprechen. Seyran Ates zum Beispiel, die aus Angst vor Anfeindungen ihre Zulassung als Anwältin zurückgab. Oder Necla Kelek. Der Soziologin ("Plädoyer für die Befreiung des türkisch-muslimischen Mannes") unterstellten Anfang des Jahres Pädagogen und Migrationsforscher, sie schüre Ängste und arbeite nicht wissenschaftlich. Auch Serap Çileli arbeitet nicht wissenschaftlich. Sie erzählt eine Geschichte - die eine Geschichte vieler türkischer Frauen sein könnte.

Im Jahr 1974, mit acht Jahren, wurde sie nach Deutschland geholt, wo der Vater mittlerweile in einer Papierfabrik arbeitete. Er hatte Angst, daß Serap den Großeltern in der Türkei über den Kopf wachsen könnte. Als sich vier Jahre später erste weibliche Formen an ihrem Körper abzeichneten, wurde sie einem acht Jahre älteren Mann versprochen, den sie zuvor nie gesehen hatte. In der Schule legte sie ihren Verlobungsring ab, weil sie sich vor den anderen Mädchen schämte. Am Sportunterricht konnte sie oft nicht teilnehmen - sonst hätten die Mitschüler ihre blauen Flecken gesehen. Was ihren Vater vom Prügeln abhielt: die Sorge um ihr Jungfernhäutchen. Bei einem Besuch der Familie ihres Verlobten war Serap dann am Ende. Mit dreizehn. Sie ging ins Badezimmer und stopfte sich mit allen Tabletten voll, die sie finden konnte. Als sie ein paar Tage später aus dem Krankenhaus nach Hause kam, wartete der Vater schon auf sie. "Geh in die Küche", sagte er zu seiner Frau, "und bring mir das Nudelholz."

Die andere Familie wollte ihren Sohn keiner Aufsässigen geben. Die erste Verlobung wurde deshalb gelöst - eine zweite bald eingefädelt. Mit 15 Jahren heiratete Serap einen 25 Jahre alten Mann in der Türkei. Erst nach sieben Jahren Ekel und der Geburt eines Sohnes sowie einer Tochter willigten ihre Eltern in die Scheidung ein. Sie hatte damit gedroht, sich und ihre Kinder umzubringen. Seraps Mutter holte die beiden mit nach Deutschland - damit sie der beschämte Ehemann nicht entführen konnte. Serap mußte bald folgen, sonst, so prophezeiten ihr die Eltern, würde sie ihre Kinder nie wieder sehen.

Sie hatten von Seraps Schwester erfahren, daß ihre Tochter eine Beziehung zu Ali habe. Um das Allerschlimmste abzuwenden, wurde ein anderer Mann gesucht, durch den Heiratsvermittler, der schon für das erste Arrangement zuständig war. "Sei zufrieden, daß dich überhaupt jemand als Frau nimmt", sagte ihre Mutter. Und ihr Vater: "Meinen Stolz kriegst du nicht nieder, und wenn du meine Familienehre verletzt, werde ich dich umbringen." An einem der letzten Abende, die Serap Çileli in ihrer kleinen deutschen Wohnung in Sichtweite der Eltern verbrachte, wäre ihm das fast gelungen. Serap Çileli hatte sich geweigert, wegen eines Treffens mit dem neuen Verlobungskandidaten ihrer Arbeit als Schichtführerin in einem Schnellimbiß fernzubleiben. Daraufhin schlug ihr Vater sie halb tot. Sie wagte zum ersten Mal, sich an die Polizei zu wenden, um mit ihren Kindern abgeholt zu werden. Das Jugendamt vermittelte ihr eine Frauenorganisation, mutige Leute, die sie nachts aus ihrer Wohnung holten und mit ihren Kindern in ein Frauenhaus brachten, weit weg.

Sie blieb dort 16 Monate, mit überforderten Sozialarbeiterinnen, mit Prostituierten und Immigrantinnen, die ihr Schicksal teilten und oft doch wieder zu ihren Peinigern zurückkehrten. Eine der eindringlichsten Szenen in dem Buch "Wir sind eure Töchter, nicht eure Ehre", für das Serap Çileli 1999 doch noch einen Verlag fand, spielt im Frauenhaus. Als ihre Tochter mit Lidschatten und Lippenstift aus dem Zimmer einer anderen Türkin kommt, wird die Mutter zornig: "Du wirst dein Gesicht ordentlich mit Waschlappen und Seife waschen. Du weißt, daß ich das bei kleinen Kindern hasse." Das sei die Serap von damals gewesen, noch unter dem Eindruck des Erlittenen, sagt Serap Çileli heute. Ihre Mutter sei, als Serap gerade neun Jahre alt war, mit einem Schminkkoffer von Karstadt gekommen: "Du bist jetzt eine junge Frau!" (Anmerkung: Dieses Alter zur Definition als Frau ist kein Zufall. Der Prophet hatte ein Kind als "Frau", das er im Alter von neun Jahren entjungfert hat) Zu Hochzeitsfeiern mußte sie hohe Absätze und Abendkleider tragen, sie bekam rückenfreie Tops und Röcke mit Schlitzen. "Bis die Ware verkauft ist", sagt Serap Çileli, "wird sie auf dem Silbertablett präsentiert." Sie kenne junge Frauen, Jungfrauen, sagt Çileli, die für 25000 Euro ihren Besitzer gewechselt haben. Als Sexobjekt oder als Ticket nach Deutschland. Schon nach der Verlobung trete der Protektionismus an die Stelle des freien Marktes. Als sie im Imbiß arbeitete, sei ihr Vater dauernd gekommen, um sie zu kontrollieren. Sie wisse von verlobten Mädchen, denen, wenn sie auf Klassenfahrt mitdurften, vorher die Haare geschoren wurden - für den Fall, daß ihr Kopftuch verrutscht. Das wichtigste sei, bis zur Hochzeit Jungfrau zu bleiben. Ohne Jungfernhäutchen und ohne Mann sei man sozial tot. Das gelte dann für die gesamte Familie. Beflecktes Laken oder befleckte Ehre - jeder bekomme das mit.

Während ihrer Zeit im Frauenhaus wurde Serap Çileli zum dritten Mal schwanger. Diesmal von Ali. Auch seine Eltern waren nicht begeistert. Aber sie hielten zu ihrem Sohn. Weil Serap anfangs nur 400 Mark bei sich hatte und sich als Schwangere mit zwei Kindern schwertat, in Deutschland eine Wohnung oder eine Arbeit zu bekommen, mußte sie beim Sozialamt Antrag auf Sozialhilfe stellen. Der Bescheid wurde, wie in solchen Fällen üblich, an ihre Eltern geschickt, die so ihren Aufenthaltsort ausfindig machen konnten. Seraps Vater schickte zwei ihrer Brüder mit einem Brief. "Ich werde dich jagen wie ein Tier." Vaters Wunsch sei es, sagten die Brüder zu Ali, "daß du unserer Schwester keine Schande bringst". Das war 1993.

Serap Çileli hat seitdem nie Personenschutz beantragt. Sie verläßt aber bis heute nur in Begleitung die Wohnung. Ihr Mann gab seine Arbeit auf, um sie auf ihren Vortragsreisen begleiten zu können. Er filmt jeden Auftritt. Je mehr sie in der Öffentlichkeit stehe, sagt sie, desto sicherer fühle sie sich. Von ihrer Familie gehe heute keine Bedrohung mehr aus. Eher schon von radikalen Muslimen, die sie in Briefen regelmäßig beschimpften oder nach Vorträgen als Verräterin anprangerten. Eine deutsche Lehrerin habe sie einmal darum gebeten, nicht an die Schule zu kommen. Junge Türken hätten gedroht, wenn Frau Çileli spreche, dann würden sie die Aula kurz und klein schlagen. Sie ist trotzdem hingegangen. Passiert ist nichts.

Serap Çileli fühlt sich nicht als Muslima, aber auch nicht als Atheistin. Ihre jüngste Tochter ging vier Jahre lang in den katholischen Religionsunterricht, die Familie feiert Weihnachten und das muslimische Zuckerfest. Sie seien gut integriert, sagt Serap Çileli. Die ältere Tochter, die im kommenden Jahr ihr Abitur macht, hat einen deutschen Freund. Der Sohn, der Politikwissenschaft studiert, spielt im Handballverein. Bei Festen, sagt Serap Çileli, koche sie manchmal türkisch. Das komme gut an. Mit Fremdenfeindlichkeit habe sie in Deutschland keine Erfahrungen gemacht.

Im Sommer seien sie und ihr Mann im Städtchen spazierengegangen, sie mit einem Top, ihr Mann in kurzen Hosen. Es war heiß. Auf der anderen Straßenseite hörten sie zwei türkische Frauen, die Serap Çileli in einem Deutschkurs unterrichtete. "Schau mal", habe die eine laut zur anderen gesagt, "Ist das ein Mann?" - "Nein", habe die andere geantwortet, "das ist kein Mann. Das ist ein Waschlappen." Ali serviert türkischen Mokka. Die Frauen, sagt Serap Çileli, seien die eigentlichen Stützen des Weltbildes, das in Deutschland noch immer den grausamen Alltag vieler türkischer Familien bestimme. Serap Çileli hält eine Untersuchung der Konrad-Adenauer-Stiftung, nach der die Entscheidung zum Tragen eines Kopftuchs bei den meisten Deutschtürkinnen persönlicher Natur und kaum durch andere beeinflußt sei, für eine Farce. Die Wirklichkeit, die sie aus der Beratung vieler türkischer Mädchen kenne, sehe ganz anders aus.

Serap Çileli ist heute 40 Jahre alt. Nach fast zwanzig Jahren lebt sie in der Familie, die sie sich immer gewünscht hatte. "Wir haben gemeinsam alles verarbeitet." Das gelte auch für die beiden Kinder aus ihrer ersten Ehe. Ihren Vater kann man nicht mehr nach seiner Version der Geschichte fragen: Er ist vor einigen Jahren an einem Herzinfarkt gestorben, Serap Çileli hat es von einer ehemaligen Klassenkameradin erfahren. Nach der Hochzeit mit Ali hatte sie hin und wieder versucht, Kontakt mit den Eltern aufzunehmen. Familie sei eben Familie. Die Mutter habe aber immer abgeblockt. Das letzte Mal von ihrer Familie erfahren hat Serap Çileli aus der türkischen Zeitung "Hürriyet", die sie trotz anderen Namens aufgespürt hatte. In der Ausgabe, in der "Hürriyet" eine Kampagne gegen häusliche Gewalt gestartet hat, wurde auch ein Foto von der lächelnden Serap bei ihrer ersten Hochzeit gedruckt. Darüber steht: "Sieht so eine Frau aus, die zwangsverheiratet wurde?"


27.11.06 / Landeszeitung für die Lüneburger Heide

Facetten einer schwierigen Beziehung

Moslems und Christen diskutieren

Diskutierten über Islam und Christentum vor zahlreichen Gästen (v. l.): Sylvain Romain, Serap ileli, Christian Geyer, Mounir Azzaoui und Aydan Özoguz. Wolfgang Thielmann kam erst später dazu, sein Zug hatte Verspätung. Foto: t&w

Stadt und Landkreis Lüneburg

ca Lüneburg. Die Attentate vom 11. September 2001 in den USA, die Anschläge in Madrid und London hätten nichts mit dem Islam zu tun. Hassprediger gehörten nicht in Moscheen. Der Islam sei eine friedliche Religion - der Sprecher des Zentralrates der Muslime in Deutschland, Mounir Azzaoui, steht für klare Positionen. Allerdings vertritt der Rat nur einen Teil der Muslime. Denn es gibt unter den Gläubigen völlig entgegengesetzte Strömungen, die Serap ileli erlebte: Sie wurde mit 15 Jahren zwangsverheiratet. Sie löste sich, schrieb das Buch "Wir sind eure Töchter, nicht eure Ehre". Danach sei sie bedroht worden. Ähnlich ergeht es gerade der grünen Bundestagsabgeordneten Ekin Deligöz, die dafür plädierte, dass muslimische Frauen ihr Kopftuch ablegen, denn es sei ein Zeichen der Unterdrückung.

Bei einer Podiumsdiskussion debattierten ileli und Azzaoui am Sonnabend in der Universität gemeinsam mit Aydan Özoguz, der migrationspolitischen Sprecherin der SPD-Fraktion in der Hamburger Bürgerschaft, dem Pastor und Journalisten Wolfgang Thielmann (Rheinischer Merkur) und dem Vorsteher der Adventgemeinde in Albanien, Sylvain Romain. Der FAZ-Redakteur Christian Geyer moderierte die Veranstaltung. Eingeladen dazu hatte die Stipendiatengruppe Lüneburg der Stiftung der Deutschen Wirtschaft, das Thema: Christentum und Islam in Deutschland - Perspektiven zukünftigen Zusammenlebens.

Doch es ging eher um eine Zustandsbeschreibung. Während zum Beispiel Pastor Romain von Einwanderern forderte, selber etwas dafür zu tun, Deutsch zu lernen, so wie es in anderen Ländern selbstverständlich sei, sah es die Hamburgerin Özoguz anders: Für manche muslimische Frau seien die Kurse eine Möglichkeit, aus ihrer Isolation auszubrechen und Kontakte zu knüpfen. Die Politikerin empfahl einen Blick zurück: Gastarbeiter, oft Analphabeten, seien nach Deutschland geholt worden, in dem Glauben, dass sie nach ein paar Jahren wieder in ihre Heimat zurückkehrten. Doch noch heute lebten sie und ihre Nachkommen hier.

Romain, aber auch Serap ileli machten darauf aufmerksam, dass sich manche Türken in Deutschland viel konservativer und fundamentalistischer verhalten als in der Türkei. Einig waren sich die Teilnehmer, dass die Masse der Muslime friedlich in Deutschland lebt. Thielmann beschrieb es so: Der "gefühlte" Islam sei viel bedrohlicher als die Menschen es tatsächlich seien. Der Journalist nannte Zahlen: 3,5 Millionen Moslems wohnen in der Bundesrepublik, rund 200 gelten als gewaltbereit, 20 seien wirklich gefährlich. Ohne die Gefahr kleinreden zu wollen, riet er zu mehr Gelassenheit. In der Vergangenheit seien Probleme eher überspielt worden, heute sei man übersensibilisiert.

Am Ende standen mehrere Empfehlungen für ein besseres Miteinander: Islamische Religionslehrer sollten an deutschen Universitäten ausgebildet werden. Weitere Stichworte waren Sprachkurse, eine schärfere Kontrolle der Radikalen und mehr Jugendarbeit.


22.11.2006 / Tageblatt

Eine Frau prangert das Leid vieler Mädchen an

Serap Cileli referiert in Stade über Verbrechen im Namen der Ehre

Stade (ma). Es ist eine bittere Realität, ein unsägliches Leid für viele junge muslimische Mädchen und Frauen: Zwangsverheiratung, Vergewaltigung, Demütigung, Mord im Namen der Ehre. Serap Cileli konnte dieser Hölle entkommen und kämpft seitdem einen engagierten Kampf für die Rechte der Frauen. Am Montag sprach die bekannte Autorin in der Stader VHS über die Verbrechen im Namen der Ehre.

Serap Cileli reist nie alleine. Seit sie den Weg nach vorne gewählt hat, gehören Anfeindungen radikaler Muslime zu ihrem Leben. Manchmal, so erzählt sie, werde sie auf offener Straße angerempelt und täglich bekomme sie E-Mails, in denen sie beschimpft oder gar bedroht werde.
„Aber ich mache weiter. Ich muss den Menschen erzählen, welche Verbrechen, auch in Deutschland den Frauen an Leib und Seele zugefügt werden“, sagt die 40-Jährige. Mit ihrem biografisch geprägten Buch „Wir sind eure Töchter, nicht eure Ehre“ half sie, das Tabu-Thema zu brechen und eine öffentliche Auseinander-setzung anzuschieben.
Unermüdlich hält sie Vorträge und leistet Aufklärungsarbeit über patriarchalische Familienstrukturen und das Schicksal muslimischer Frauen, die sich rechtlos ihren männlichen Verwandten untergeben müssen. Unfassbar klingen ihre Fallbeispiele von Töchtern, die von Familienmitgliedern vergewaltigt und danach zum Arzt geschleppt werden, damit dieser ihre Jungfräulichkeit wieder herstellt.
Widerstand ist meist zwecklos und wird im Namen der Familienehre bestraft. Und sie erzählt von zwölfjährigen Mädchen, die gestern noch auf dem Schulhof spielten und scheinbar plötzlich vom Erdboden verschwunden sind - zwangsverheiratet an einen Fremden in der „alten Heimat“.
„All diese schrecklichen Dinge passieren mitten in Deutschland und die Dunkelziffer ist hoch“, berichtet Serap Cileli den rund 40 Zuhörern in der Stader Volks-hochschule. Doch es ist ihr auch wichtig zu sagen, dass sich ihre Anklage nicht gegen eine ganze Nation, eine Religion oder gar ein ganzes Volk richtet.
Serap Cileli wurde mit 15 Jahren nach Anatolien zwangsverheiratet und schaffte es auf einem leidvollen und steinigen Weg in die Freiheit, dem so genannten Ehrenmord nur knapp entkommen. Heute hilft sie jungen Mädchen, die sich aus den familiären Fesseln befreien wollen. Ihre Homepage bietet eine anonyme Kontaktaufnahme und hält Anlaufstellen und Adressen parat.
Auch politisch kämpft die dreifache Mutter für die Sache: „Ich bin unbedingt dafür, das Nachzugsalter von Eheleuten aus dem Ausland auf 21 Jahre herauf zu setzten. Außerdem sollten diese jungen Leute einen Sprachnachweis erbringen.“
Denn nur mit ausreichenden Deutschkenntnissen, so Serap Cileli, hätten junge Mädchen die Chance, um Beratung und Hilfe zu bitten.


21. November 2006 / Neues Deutschland -Sozialistische Tageszeitung

Die Schwierigkeit, Identität zu bestimmen

KULTUR NEU DENKEN – die Linke suchte unter Werner Tübkes Bauernkriegspanorama nach Licht im Dunkel

Von Hanno Harnisch

Gibt es einen besseren Ort als das »theatrum mundi«, wenn eine politische Partei KULTUR NEU DENKEN will? Werner Tübkes Welttheater, sein so beeindruckendes Bauernkriegspanorama hoch über Bad Frankenhausen war somit ideal gewählt für das zweitägige Symposium, das die Linksfraktionen im Bundestag und im Thüringer Landtag am Wochenende über die Bühne brachten. Zwölf Jahre – die letzten der DDR – hatte Tübke an diesem Weltbild gearbeitet, das auf dem Schlachtberg Thomas Müntzer und seinem »Haufen« aufständischer Bauern ein Denkmal setzte. Vernichtend wurden sie damals geschlagen. Dieses 123 Meter lange und 14 Meter hohe Bild mit dem Titel »Frühbürgerliche Revolution in Deutschland« ist ein historischer Kosmos von gewaltiger Bildkraft geworden, eben ein »Welttheater«, wie es der FAZ-Kunstkritiker und Kenner der DDR-Kunst, Eduard Beaucamp, einmal genannt hatte.
Das Monumentalbild ist gleichmäßig warm erleuchtet, so wie es die hunderttausend Besucher, die jedes Jahr den Weg in das Panoramamuseum finden, auch erblicken, seit es auf einem der letzten großen Festakte (oder gar auf dem letzten überhaupt) der DDR-Führung im September des Jahres 1989 für die Öffentlichkeit zugänglich wurde. Auf Augenhöhe beginnt der Betrachter, diese Bildgewalt mit den 3000 Figuren, die die historische Wirklichkeit und Grausamkeit des Bauernkriegs im 16. Jahrhundert zeigt, langsam zu begreifen. Vielleicht bekommt er so eine Ahnung von der »Zeitlosigkeit der apokalyptischen Entstehung der Welt oder deren Untergang« (Beaucamp). Oder auch von den Utopien enttäuschter Übergangszeiten. Irgendwo im Wandbild hat sich Tübke auch selbst gemalt – als Harlekin. Dieser »große Unzeitgemäße« (noch einmal Beaucamp über Tübke) lebt seit zwei Jahren nicht mehr. Sein so zeitgemäßes Weltbild sehr wohl. Quasi in ihm, also umrundet von einer einzigen Leinwand, erlebten an die hundert (geladene) Gäste dann auch, wie schwierig es ist, Identität zu besetzen.
Luc Jochimsen, die linke Journalistin, die sich nach ihrem Ausscheiden als Fernsehchefin des Hessischen Rundfunks jetzt als Bundestagsabgeordnete der Linksfraktion um Kultur und Medien müht, und Birgit Klaubert, Vizepräsidentin des Thüringer Landtags und kulturpolitische Sprecherin ihrer Linksfraktion, waren die Gastgeberinnen und Moderatorinnen des Wochenendes. Das Konzept war einfach und doch sehr kompliziert. Am ersten Tag sollte es zwei Impulse zur Diskussion geben. Einen aus dem Osten und einen aus dem Westen. Gregor Gysi und Hansjürgen Rosenbauer. Doch ist es wirklich so einfach mit den Kulturen wie mit Goethes Hexeneinmaleins? Stimmt die Frage überhaupt, ob und wie »aus zwei mach eins« wird? Worum kann, worum soll es überhaupt gehen bei einem Kultursymposium, einer Kulturkonferenz? Vor ein paar Wochen in Senftenberg am Theater der Bergarbeiter veranstaltete die Linke schon einmal ein ähnliches Wochenende. Da war es relativ klar. Da ging es um die Zukunft der Arbeit. In einer »schrumpfenden« Region kann Kultur weiter sein, wenn man nur will – und die richtigen Ideen hat. Nun also der Politiker Gysi und der Journalist Rosenbauer. Die gemeinsame (vorgegebene) Überschrift lautete: »Der Westen leuchtet, aber das Licht ist kalt. Zwei Kulturen werden eine?« Manchmal ist es erfrischend, wenn Vortragende gleich die Grundthese in Abrede stellen. Gysi weigerte sich schlichtweg, theoretisch über Kultur zu reden, sondern erzählte von Menschen, von Seele, von Glauben – um dann doch immer wieder auf Politik zu kommen. Rosenbauer wollte sich gar nicht erst auf einen rückwärtsgewandten Vergleich von zwei Kulturen einlassen. Der Kuscheligkeit der Vergangenheit setzte er die Offenheit Europas entgegen (aus beiden Vorträgen wird es in den nächsten Tagen eine streitbare ND-Themaseite geben).
Am Freitagabend dann nach Doppelvortrag eine erste Diskussion. Professor Bialas, vor vielen Jahren einmal Hambuger Kultursenator, wollte provozieren. »40 Jahre unterschiedliche Entwicklung in Ost und West sind nur ein Firnis, der langsam verblasst«. Warum soll auch aus zwei Kulturen überhaupt wieder eine gemacht werden?
Wer in Thüringen dieser Tage über Kultur nachdenkt, der kommt an der Zahl 10 Millonen Euro nicht vorbei. Um diese Summe soll Thüringens Theateretat gekürzt werden. Das sind insgesamt nur 0,1 Prozent des Landeshaushaltes, wie Birgit Klaubert immer wieder betont. Und der Widerstand, nicht nur im Lande, hat sich schon längst formiert. Kultusminister Jens Goebel (CDU) wurde von Jochimsen/Klau-bert zu einem Grußwort auf den Schlachtberg eingeladen. Er kam (wie auch seine Parteikollegin Dagmar Schipanski). Goebel grüßte also die Linken tapfer, erzählte von seinem Thüringen als »Kernland der Kultur«, das »zum Markenzeichen entwickelt werden« müsse, dass die Kürzungen bei den Theatern und Orchestern »unumgänglich« seien, dass »an allen bisherigen Theaterstandorten« ein »möglichst breites Angebot« gewährleistet werden soll, und so weiter. »Wir machen unsere Theater nicht platt, sondern überlebensfähig«, so rief er noch kühn, und kalauerte dann noch ein bischen, dass »die Flunder nicht unser Theater-Maskottchen« sei, von wegen plattmachen, Sie verstehen. Alle waren mehr oder minder sprachlos, nur wenige klatschten und keiner, keiner fragte den alert-schwergewichtigen Minister auch nur die leichteste Frage. Schade, hätte spannend werden können. Dafür las Ingo Schulze wenigsten noch aus seinem herrlichen Briefroman »Neue Leben«, auf welche Art und Weise der Westen in seinen Kopf kam.
Am Sonnabend dann Zeit (viel zu wenig) für zwei Gesprächsrunden (viel zu groß). Aber immerhin so interessant, dass nur selten der Blick von einem der Zuhörer noch in Richtung Wandbild ging. Wenn ein Podium im Halbdunkel sitzt, kommen die Gedanken offensichtlich um so heller. Der schon mehrfach zitierte FAZ-Kritiker Eduard Beaucamp sprach vielen Anwesenden aus der Seele, dass man »von der DDR lernen konnte, Künstlern einen Rahmen zu geben«. Bundestagsfraktionschef Oskar Lafontaine, der vor seinem Auftritt beim Parteitag der WASG bei den Kulturleuten vorbeischaute, betonte, »dass Deutschland keine Kulturnation, wohl aber eine Kulturgesellschaft« sei, die von von Mehrheiten und Minderheiten beeinflusst wird. Für den Fernsehmoderator und Verleger Michel Friedman sind die Juden in Deutschland aber noch »längst nicht angekommen«. Nach wie vor »will ein Fünftel der Deutschen keinen jüdischen Nachbarn«. Die türkischstämmige Frauenrechtlerin Serap Cileli verlangte von Kultur auch das »Setzen von Grenzen«. Nicht alles, was im Namen der Kultur daherkommt, dürfe toleriert werden. Für den iranischen Intellektuellen Bahman Nirumant sind die Deutschen viel schlitzohriger geworden durch die Millionen Emigranten«.
Der Intendant der Neuen Bühne Senftenberg, Sewan Latchinian, sah die Chance, dass die Kultur nach der staatlichen Vereinigung von BRD und DDR neue Wege geht. Er will »keinen zusammengerührten Mischmasch, sondern einen neuartigen dritten Weg«. Die Alternative heißt für ihn brutal »Kultur oder Barbarei«. Sein Intendantenkollege Stephan Märki will auch heute nicht begrefen, das Ärzte oder auch Intendanten wie Unternehmer auftreten sollen. Es hätte noch lange so weitergehen können.
Kein Symposium ohne Fazit. Es sei »der Anfang eines Dialogs von Menschen verschiedener Kulturberufe und unterschiedlichster Herkunft« gemacht worden, erklärte Luc Jochimsen. Im nächsten Jahr soll KULTUR NEU DENKEN unbedingt fortgesetzt werden. Vielleicht mit einer Linksfraktion in der Bremer Bürgerschaft als Mitveranstalter. Sollte es eine geben.


20. November 2006 / Thüringer Allgemeine

K wie Linke

Von Frauke ADRIANS

Der Kopf ist rund, sagt man, damit das Denken die Richtung ändern kann. Rund ist auch das Panorama in Bad Frankenhausen - was dem PDS-Symposium "Kultur neu denken" allerdings nicht weiterhalf. Neues wurde nicht gedacht, die Richtung war meist vorhersehbar. Und offenbar hatten bei der Vorbereitung entscheidende Gedanken gefehlt.

BAD FRANKENHAUSEN. Mit wie vielen hochkarätigen Gästen kann man ein Podium im Höchstfall besetzen, ohne dass eine Diskussion unmöglich wird? Und: Was ist eigentlich Kultur, worüber wollen wir reden? Diese Fragen zumindest hätten die Gastgeberinnen, die Fraktionen der Linken/PDS in Bundes- und Landtag, bedenken sollen, ehe sie auf den Frankenhäuser Schlachtberg einluden. Der Ort sei der eigentliche Auslöser der Tagung gewesen, sagte Luc Jochimsen, kulturpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion. Sie hatte sich sichtlich inTübkes Bauernkriegspanorama verliebt, es schien ihr nicht zuletzt der optimale Austragungsort für eine Diskussion über ihre Lieblingsthese zu sein: Zu Zeiten der deutschen Teilung sei die Kultur nicht verbindende, sondern trennende Kraft gewesen; heute gelte es, einen "dritten Weg" zu definieren. Wie ihre Amtskollegin Birgit Klaubert von der Landtagsfraktion bemühte Jochimsen gern das Wort von der "ostdeutschen Identität".

Nur: Darüber wollte außer der Linkspartei niemand reden. Die Ost-West-Diskussion sei lächerlich, befand der Tübke-Experte Eduard Beaucamp; der aus Zittau stammende Orientalist Udo Steinbach ließ kein gutes Haar an der Rede zum Thema DDR-Identität, die Gregor Gysi am Abend zuvor auf dem Symposium gehalten hatte: "Schnee von vorgestern." Christoph Dieckmann (Die Zeit) warnte vor einer "allzu lauten Behauptung von Kollektiv-Identität". Die gebe es im Osten nicht, sondern eine Vielzahl von Milieus und Biografien.

Ingo Schulze verlor bald die Geduld mit der Veranstaltung. "Wollen wir hier allgemein über Kultur reden oder über die Thüringer Situation?", fragte der Autor von "Neue Leben", der bis 1990 Dramaturg am Theater Altenburg war. Der Thüringer Kulturkahlschlag brannte ihm auf den Nägeln - "aber zu dem Thema sind uns ja die Ansprechpartner verloren gegangen", kritisierte Schulze. In der Tat: Kultusminister Jens Goebel war nach einer seiner üblichen Beschönigungsreden am Freitagabend seiner Wege gegangen, ohne von der Linkspartei mit Argumenten gegen den Kulturraubbau behelligt worden zu sein. Stephan Märki, Intendant des Weimarer DNT, und sein Kollege Sewan Latchinian vom Theater Senftenberg warnten am Samstag vor den Folgen von Theaterschließungen. "Kultur kostet, Unkultur kostet mehr", mahnte Latchinian.

Auf den beiden mit acht bis neun Teilnehmern deutlich zu großen Podien kam kaum eine Diskussion in Gang. Und weil die Gastgeberinnen sich nicht die Mühe gemacht hatten, den Begriff Kultur zu definieren, wurde er mal im engeren künstlerischen Sinne, mal als soziologischer Identitätsbegriff verwendet. Da war es Glückssache, ob die Redebeiträge eine gemeinsame Basis hatten oder nicht.

Eine Diskussion über "Minderheitenkulturen" in Deutschland wäre für sich allein schon abendfüllend gewesen. Michel Friedman, Romani Rose, die türkisch-deutsche Frauenrechtlerin Serap Cileli und der aus dem Iran stammende Journalist Bahman Nirumand lieferten einige der engagiertesten und eindrucksvollsten Wortbeiträge. In der PDS-Kulturdiskussion wirkten sie dennoch marginalisiert. Kein Wunder: Wer ausdrücklich als Minderheitenvertreter eingeladen und nach dem Schlüssel "zwei pro Podium" eingeteilt wird, der wird vom Publikum zwangsläufig nur als Randfigur wahrgenommen. Die Bekenntnisse der PDS zur Integration von Minderheiten wurden so schon durch den Diskussionsaufbau konterkariert.

Das K im Wort "Linke" solle für Kultur stehen: Dieses Fazit zieht die Linkspartei für sich selbst. Offensichtlich hat sie bis dahin noch einiges zu tun.


19.11. 2006 / Weltexpress

Die Linke: 'das ,K’ soll für Kultur stehen'

Viel Prominenz kam nach Nordthüringen ins Panorama-Museum zur Kulturtagung von Bundes- und Landtagsfraktion

„Kultur fördern ist teuer, aber die Verrohung der Gesellschaft und Barbarei kommen uns noch teurer zu stehen“, sagte die Bundestagsabgeordnete der Linkspartei, Luc Jochimsen, am Ende der Tagung «Kultur neu denken», die am Freitag und Samstag im thüringischen Bad Frankenhausen stattfand. Sie griff damit ein Argument auf, das Sewan Latchinian, Intendant der Neuen Bühne Senftenberg, die zum Theater des Jahres 2005 gewählt wurde, auf der Kulturtagung am Beispiels seiner Problemregion erläutert hatte. „Diese Tagung wird einen starken Effekt in unsere Partei hinein haben“, meinte Birgit Laubert, kulturpolitische Sprecherin der Landtagsfraktion Die Linke/PDS und stellvertretende Vorsitzende des Thüringer Landtags.

In Anwesenheit des Thüringer Kultusministers Jens Goebel (CDU) und der Landtagspräsidentin Dagmar Schipanski (CDU) diskutierten prominente Vertreter von Minderheiten und Kulturschaffende aus ganz Deutschland bei dem Treffen die Zukunft kultureller Identität. Jochimsen, kulturpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion DIE LINKE, erinnerte an vernachlässigt Einflüsse auf „unsere bisherige Mehrheitskultur“: „Juden, Muslime, Sinti und Roma, Menschen aus dem slawischen Kulturkreis und auch aus Asien und Afrika beeinflussen die hiesige Kultur. Dabei geht es aber nicht um Multi- Kulti, denn es bleibt eine deutsche Kultur, die nicht beliebig ist“, sagte Jochimsen. Auch Bundestagsfraktionschef Oskar Lafontaine hob hervor, dass Deutschland keine Kulturnation, wohl aber eine Kulturgesellschaft sei, von Mehrheiten und Minderheiten beeinflusst.

Entgegen dem Ausspruch der Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, bei der Eröffnung der Münchener Synagoge sieht der einstige Vizepräsident und heutige Fernsehmoderator Michel Friedman Juden in Deutschland längst nicht angekommen. Dies zeige vor allem der wachsende Zuspruch rechter Parteien und deren Wahlerfolge. „Meine Eltern kommen aus Polen, ich bin in Paris geboren, in Frankfurt aufgewachsen und ein Jude. Das lässt keine eindimensionale kulturelle Identität zu“, sagte Friedman. Die türkischstämmige Schriftstellerin Serap Cileli forderte von Kultur auch das Setzen von Grenzen. Nicht alles, was im Namen der Kultur daher kommt, dürfe toleriert werden. Der Intendant der Neuen Bühne Senftenberg, Sewan Latchinian sah als Chance, dass die Kultur nach der staatlichen Vereinigung von BRD und DDR neue Wege gehen könne, „keinen zusammengeführten Mischmasch, sondern einen neuartigen dritten Weg“. Mit dem Symposium sei „der Anfang eines Dialogs von Menschen verschiedener Kulturberufe und unterschiedlichster Herkunft“, erklärte Jochimsen. Im nächsten Jahr soll das Projekt „KULTUR NEU DENKEN“ fortgesetzt werden und dann die wachsende Rolle der Medien als Teil von Macht, Freiheit und Kultur thematisieren.


18. November 2006 / Bayernkurier / Aktuelle Ausgabe: Jahrgang 57, Nr. 46

Frauen Stimme geben

Zweites Treffen der FU-Netzwerkerinnen

Von Ingo Sommer

Nürnberg – Ein falsches Toleranzverständnis in der deutschen Mehrheitsgesellschaft kritisierte die Frauenrechtlerin Serap Cileli auf dem zweiten Netzwerkerinnentreffen der Frauen-Union. Politik und Gesellschaft müssten dafür sorgen, dass Türkinnen öffentlich ihre Meinung sagen könnten, ohne dafür von anderen Muslimen bedroht zu werden. „Wir wollen den Frauen eine Stimme geben, die nicht für sich selbst sprechen können“, sagte sie im Hinblick auf patriarchalische Strukturen und unterdrückte Frauen in vielen Migrantenfamilien. Die 40-jährige Deutsch-Türkin wurde selbst mit 15 Jahren zwangsverheiratet.
Etwa 120 Politikerinnen und Expertinnen diskutierten unter Moderation von Barbara Dickmann, Redaktionsleiterin der ZDF-Sendung Mona Lisa, über die Rolle der Frauen als „Schlüssel zur Integration“. Für FU-Landesvorsitzende Emilia Müller „müssen beim Integrationspro¬zess die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen am politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben sowie die Vermittlung der deutschen Sprache im Vorder¬grund stehen.“
Bayerns Familienministerin Christa Stewens wies darauf hin, dass die dritte Generation von hier lebenden Türken oftmals schlechter Deutsch spreche als ihre Vorgängerge¬neration. Daher fördere die CSU-Staatsregierung Sprachkurse im Kindergarten. Die CDU-Integrationsexpertin Michaela Noll betonte das auf 18 Jahre erhöhte Nachzugsalter für ausländische Ehegatten. Denn die Zwangsverheiratung betrifft oft schon 12- oder 13-jährige Mädchen.


14. November 2006 / http://fu.csu-portal.de

2. Netzwerkerinnentreffen der Frauen-Union

"Frauen - der Schlüssel zur Integration"

Dialog mit Migrantinnen

"Die deutsche Mehrheitsgesellschaft hat ein falsches Toleranzverständnis", sagt Serap Cileli, Frauenrechtlerin und Buchautorin.

Welche Rolle übernehmen Frauen bei der Integration ausländischer Familien in Deutschland? Darüber diskutierten Politikerinnen und Expertinnen auf dem 2. Netzwerkerinnentreffen der Frauen-Union am Samstag im Nürnberger Uhrenhaus. "Ich sehe Frauen und gerade Mütter in einer Schlüsselrolle bei der Erziehung der kommenden Generation. Deshalb müssen beim Integrationsprozess die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen am politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben sowie die Vermittlung der deutschen Sprache im Vordergrund stehen", fordert die Vorsitzende der CSU Frauen-Union, Emilia Müller.

Parallelgesellschaften

Gerade junge Türken der dritten Generation heiraten mitunter Frauen, die aus der ländlichen Türkei nach Deutschland gebracht werden. Diese Ehemänner gewähren ihren Frauen häufig weniger Freiheits- und Persönlichkeitsrechte als Frauen, die schon länger in Deutschland leben oder in Deutschland aufgewachsen sind. Ihre Kinder wachsen zwischen zwei unterschiedlichen Welten auf. "Viele Migrantinnen" weiß Serap Cileli, "wollen die Traditionen und Werte aus der alten Heimat bewahren." Unweigerlich bleibt ihnen der Zugang zu unserer Gesellschaft und Kultur verwährt. Die Frauen, die in der Regel in ihrer isolierten Welt leben, erziehen ihre Kinder nach Idealen der ländlichen Türkei und meist ausschließlich in türkischer Sprache. Das führt unweigerlich zu Sprach- und Integrationsproblemen in deutschen Schulen, zu schulischem Scheitern und fördert die Bildung von Parallelgesellschaften.

Frauen eine Stimme geben

"Wir wollen den Frauen eine Stimme geben, die nicht für sich selbst sprechen können", betont Serap Cileli. Zu diesem Zweck fordert die CDU Integrationsexpertin Michaela Noll, Frauen neben dem Erwerb der deutschen Sprache auch gewisse Grundkenntnisse über das Rechts- und Gesellschaftssystem zu vermitteln, bevor sie nach Deutschland kommen. Gerade traditionelle erzogenen jungen Türkinnen wird das Leben in Deutschland oft schwer gemacht", bestätigt auch die Rektorin der Hauptschule Scharrerstraße in Nürnberg, Elisabeth Wolf. Sie dürften nicht am Schwimmunterricht teilnehmen und wie andere Mädchen in ihrem Alter ins Theater oder Kino gehen. Natürlich gäbe es auch Schülerinnen, die sich äußerlich an die deutsche Kultur angepasst hätten: "Aber sobald sie in ihrer Familie sind, gelten andere Regeln."

Bayerische Initiativen

Bayerns Sozialministerin Christa Stewens kritisiert, dass die inzwischen dritte Generation von hier lebenden Türken oftmals schlechter Deutsch könne als die Vorgängergeneration. Daher fördere die bayerische Staatsregierung auch Sprachkurse im letzten Kindergartenjahr. Für Eltern mit Vorschulkindern gebe es auch Hausbesuchsprogramme. Speziell geschulte Migrantinnen aus dem gleichen Kulturkreis leiten hier die Mütter an, ihren Kindern auf Deutsch Geschichten zu erzählen, zu basteln und zu experimentieren.

Falsches Toleranzverständnis

"Trotzdem hat die deutsche Mehrheitsgesellschaft immer noch ein falsches Toleranzverständnis", kritisiert Serap Cileli. Damit sich etwas ändere, müssten Politik und Gesellschaft dafür sorgen, dass engagierte Türkinnen öffentlich ihre Meinung sagen könnten, ohne dafür von anderen Muslimen bedroht zu werden.

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14.11.2006 / FrontPageMagazine.com

Germany's Headscarf Scandal

By Stephen Brown

What a woman wears on her head may literally cost you your head in Germany.

That is what German politician Ekin Deligoz discovered recently when she called upon Muslim women in Germany to take off their headscarves. Deligoz, who is Turkish-born, has long expressed her opposition to the scarf's wearing and wants Muslim women in her adopted country to lay it aside, believing it is a symbol oppression and patriarchy. There are more than three million Muslims in Germany and about two million are Turks or of Turkish descent.

"You live here, so take your headscarf off," said Deligoz in a German newspaper.

But unlike the veil controversy in England where the Leader of the House of Commons, Jack Straw, wanted Muslim women to go about with uncovered faces, Deligoz, a member of the leftist Green Party in the Bundestag, has received numerous death threats as a result of her comments. Ninety per cent of the threats, the Green politician said, were from men. Also unlike Straw, Deligoz now has joined the lengthening list of European writers, editors and politicians, among others, who have to accept police protection in their own countries due to threats from Muslim extremists.

Some German Muslim feminists see a danger to Germany's legal and social order in the headscarf's wearing, viewing it as part of the creeping Islamization of German society. Author Serap Cileli, a champion of Muslim women's rights in Germany, views the headscarf as outwardly representing the fundamentalist Sharia legal order rather than a sign of faith. Sharia, in turn, she says, demands the subordination of women to men. So the head scarf, according to Cileli, is really a symbol of oppression.

As well, other Muslim feminists maintain the headscarf, like the veil, is a conscious self-segregation of its Muslim wearers from Western society and values.

And as the headscarf controversy flares up in Germany, it isn't only the extremists who are venting their venom against Deligoz and other German Muslim feminists who oppose its wearing. In Turkey, the newspaper Yeni Mesaj claimed the Bundestag representative and another supportive politician, Lale Akgun, also a woman of Turkish descent, have been "made into Germans in Germany." The two women have distanced themselves, the report stated, from their Turkish and Islamic identity, remaining Turkish in name only. The newspaper also said Deligoz and Argun are using Nazi-like logic in calling for the headscarf's disappearance.

In truth, the only ones using Nazi-like logic here are the newspaper's editors, especially with their reference to race with the inference of the superiority of one over the other. Moreover, their hate-filled comments make it obvious why the integration of Muslim immigrants has failed in so many European countries.

As expected, not much support for Deligoz is forthcoming from Muslim associations in Germany. While they condemned the death threats, according to a newspaper report, the associations sharply criticized their co-religionist. The chairman of one Muslim organization said Deligoz's comments were nonsense. What is important for him, he continued, is "that she is allowed to spread this foolishness." All of which, again, clearly shows the disturbing attitude of some Muslim leaders living in European societies toward the Western tradition of freedom of expression.

Moreover, some Muslim women teachers in German schools, where the wearing of the headscarf by instructors is forbidden, are offering resistance to this dress-code regulation. In the state of North Rhineland-Westphalia, where the ban came into effect last May, several Muslim teachers continued to show up in class with covered heads. It was last reported discussions were being held with the malefactors before implementing any disciplinary measures, which include dismissal.

In another well-known case, a Muslim teacher in different German state even tried to overturn the headscarf regulation in court, but failed. Muslim teachers have also tried to get around the headscarf ban in the classroom by decorating their head coverings and presenting them simply as a fashion accessory and not as "a religious-political symbol." This, according to one school official, has created a "grey zone." But another German school official, exercising more firmness and common sense, said the redecorating of the scarves to evade the law will not be tolerated.

But all the news is not bad. Emal Algan, the daughter of the founder in Germany of Milli Gorus (National Vision), a large, radical Turkish Muslim organization, laid aside her headscarf last year. Until then, the 44-year old Algan had led a typical life for a Turkish woman. Promised in marriage at sixteen, married at nineteen and the mother of six children, she had led a sheltered existence. Bearing her father's famous name, however, had given her standing in Germany's large Turkish community, where the now divorced German-Muslim was honorary chairperson for years of Milli Gorus' women's association.

In a newspaper interview last year, Algen said that without the identifying head scarf, she was now just "one of many" and was looking forward to a scarfless life,

"Almost every door is open to me now, and I step through inconspicuously," she said.

And although many of her former Muslim friends have shunned her since her decision, Algen did not regret taking off the scarf, giving as her reason what should be the last word for any Muslim woman considering the same move: "My head belongs to me."


04.11.2006 / Neue Osnabrücker Zeitung

Von Kristina Löpker

Der Koran aus Sicht der Frau

„Feminismus im Islam“: Spagat zwischen Emanzipation und Tradition
Sie haben Mut gezeigt – und werden dafür verfolgt: Muslimische Frauen, die sich gegen den traditionellen Islam stellen, müssen mit Morddrohungen oder einem Leben im Exil rechnen. Dennoch gibt es eine feministische Bewegung im Islam. Immer mehr Frauen kämpfen für ihre Rechte. Gehör finden sie nur langsam.


01.11.2006 / ZEIT online

Die Macht der frechen Frauen

Seit den Todesdrohungen gegen die Abgeordnete Deligöz tobt der Kampf der Kulturen inmitten des muslimischen Lagers. Starke Frauen wehren sich gegen Bevormundung - und Machos kommen ins Torkeln

Von Jörg Lau

Die Debatte wird zum Glück nicht mehr nur zwischen Deutschen und Türken, Christen und Muslimen, zwischen Mehrheit und Minderheit geführt. Der Kampf der Kulturen findet tatsächlich statt, aber zunehmend innerhalb der jeweiligen Lager. Es stehen auch im Islam immer häufiger selbstbewusste Reformer gegen Konservative. Heute sind es vor allem Frauen mit - schreckliches Wort - Migrationshintergrund, die sich den Mund nicht mehr verbieten lassen und ihre Rechte einfordern - so wie die Anwältin Seyran Ates, die Soziologin Necla Kelek, die Autorin Serap Cileli, die SPD- Abgeordnete Lale Akgün und nun auch die Grüne Ekin Deligöz. Die deutschen Türken könnten eigentlich stolz sein, eine ganze Reihe solcher bemerkenswerter Frauen hervorgebracht zu haben.


20.10.2006 / Remscheider General- Anzeiger

Frauenrechtlerin Serap Cileli gegen falsches Toleranzverhalten

(Sö). "Es ist gesund, seine Frau von Zeit zu Zeit zu schlagen. Und wenn du nicht weißt, warum du es tust - sie weiß es." Das ist eines der Sprichwörter, mit dem die Besucherinnen und Besucher des Vortrags der Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Serap Cileli konfrontiert wurden.

Überall im gefüllten Raum in den Bürgerhäusern ist ungläubiges Nach-Luft-Schnappen zu hören - auf männlicher wie auf weiblicher Seite. In erschütternder Weise erzählt Serap Cileli von ihrer Arbeit, von ihrem Leben und auch von den allgemeinen Vorstellungen der männlichen Muslime und der muslimischen Welt.

Zwangsheiraten, Inzest, Vergewaltigung, Gewalt und, im schlimmsten Fall, "Ehrenmorde" gehören, laut Cileli, als still geduldete Bestandteile zum muslimischen Leben.

"Die Jungen lernen von Anfang an, dass Frauen wertlose, intregrante und untreue Wesen sind. Sie wachsen auf ohne Respekt vor der Würde und Intelligenz der Frau. Sie lernen, ihre Schwestern zu schlagen, wie ihr Vater ihre Mutter schlägt und sie später ihre Frauen", führt die sympatische Deutsche mit Wurzeln in der Türkei aus und sieht ihren Zuschauer(inne)n dabei in die Augen.

"Die Würde des Menschen ist unantastbar", zitiert sie aus dem Grundgesetz, und die heute selbstverständliche Basis des Zusammenlebens klingt vor der Liste mit Verbrechen gegen die muslimischen Frauen plötzlich unerreichbar.

Und es passiert nicht etwa nur in verschlafenen Winkeln der Türkei, sondern hier in Deutschland. Serap Cileli trägt Begebenheiten, Fallbeispiele und Traditionen vor.
Junge Mädchen im Alter von 15 Jahren oder jünger würden in die Türkei zwangsverheiratet - an Cousins oder ältere Männer verschachert oder weitergegeben.

"Das sind Kinder ohne Kindheit, die das Vertrauen in andere Menschen verlieren und mit ihrem düsteren, schweren Geheimnis leben müssen", weiß Cileli.

Wichtigste Eigenschaft der Braut: Ihre Jungfräulichkeit. "Oft kommen Mütter mit ihren Töchtern zu mir und wollen wissen, ob ich einen Arzt weiß, der den Mädchen ihre Jungfräulichkeit wiedergibt", beschreibt Serap Cileli einen Teil ihrer ehrenamtlichen Arbeit. Der Preis für die Familienehre liege somit bei 500 bis 1 500 Euro.

ab Cileli zitiert eine Sure aus dem Koran, in der von beiden Geschlechtern Enthaltsamkeit bis zur Ehe gefordert wird. "Jede Frau weiß, dass die muslimischen Männer sich ihre Hörner abstoßen. Meist mit nicht muslimischen Mädchen", spricht die Frauenrechtlerin das offensichtlich Bekannte aus.

Dennoch wird die Jüngfräulichkeit der Mädchen aufs Schärfste behütet. Wenn in der Hochzeitsnacht nämlich nicht die so genannte "Ehrenrose", also der Blutfleck auf dem Laken zu sehen sei, gebe es keinen Beweis für die Ehrenhaftigkeit der Braut.

Dann müsse die Ehre der Familie "wiederhergestellt" werden. Und das passiere heute noch unter anderem durch "Ehrenmorde", die öfter als Selbstmord oder Unfall getarnt seien.

Das sei aber beinahe nicht nötig, da im Namen der Ehre auf allen Seiten Schweigepflicht herrschen würde, weiht die mutige Frau ein, die für ihr Engagement 2005 das Bundesverdienstkreuz und 2006 den Preis für Zivilcourage erhalten hat.

48 "Ehrenmorde" hat das Bundeskriminalamt im Zeitraum von 1996 bis 2005 offiziell in Deutschland verzeichnet. Serap Cileli schätzt, dass die Dunkelziffer viel höher ist.

Und wenn die Tochter ihren Mördern entwischt, dann fahndet die Familie nach ihr, um sie zum Selbstmord zu bewegen oder sie eigenhändig zu töten. "Ich gebe den Mädchen dann eine neue Identität; aber das wird öfter aufgedeckt", bedauert Cileli. Die muslimischen Familien seien gut organisiert.

Sie selbst ist, weil sie vor Zwangsheirat flüchtete, von ihrer Familie verstoßen und für tot erklärt worden. Serap Cileli hat selbst einen Leidensweg hinter sich. Und sie ist froh, dass sie bei den Deutschen ein offenes Herz und Ohr für das Los muslimischer Frauen findet.

Sie begrüßt außerdem das Medieninteresse. "Aber es muss sich etwas tun; sonst schließen die muslimischen Eltern demnächst ihre Kinder nicht nur vom Schwimmunterricht aus, sondern forndern getrennte Tische und Toiletten in unseren Schulen", prognostiziert Cileli.

Hikmet Feridum Demir lebt seit 26 Jahren in Wermelskirchen, und er prophezeiht sogar Kreuzzüge, wenn sich nicht etwas tut. Diskussionen werden laut. "Wo leben wir denn hier?", wird in den Raum gerufen.

"Wir brauchen ein Signal in der Gesellschaft! Elternkurse müssen angeboten werden, Deutschkurse müssten Pflicht sein", fordert Serap Cileli. Deutsch sei der Schlüssel zur Integration.

Unverständnis bis hin zur Fassungslosigkeit spiegeln sich in den Beiträgen der Anwesenden wider. "Wir haben ein falsches Toleranzverhalten", scheint das naheliegende Fazit des Abends zu sein. Es wird aus allen Ecken laut.

Cileli betonte auch, dass es natürlich Muslime gäbe, die in liberalen Familien lebten. Aber das konnte den Kloß im Hals nicht mehr schrumpfen lassen, nachdem so viele Beispiele von Mord, Vergewaltigung und Gewalt an die Zuhörerinnen und Zuhörer herangetragen worden waren.

Betroffenheit und Hilflosigkeit liegt in dem Blicken. "Was können wir tun?", lautet die Frage, die sich stellt. "Ihre Hilfe hat Grenzen", erinnert die Vortragende, die manche ihrer Lesungen unter Polizeischutz abhalten muss und teilweise von Familien belagert und bedroht wird.

"Nähern sie sich vorsichtig an", rät sie den Hilfsbereiten, als spreche sie von einem gefährlichen Tier. Am besten sei es zu handeln, wenn Betroffene selbst Initiative zeigten.

Es sei ein Gesetz in Kraft getreten, wonach Zwangsehe als "schwerste Nötigung" anerkannt ist. Dieses Gesetz wurde nach Inforamtionen von Serap Cilelis noch nicht in Anspruch genommen.

Serap Cileli hat auf ihrer Homepage ein Mahnmal für Frauen errichtet, die Ehrenmorden zum Opfer gefallen sind. "Eine Geschichte und ein Name darf nicht vergessen werden", lautet ihre Devise

Es gibt also keinen handfesten Hilfsplan, doch dass etwas passieren muss, war allen Anwesenden am Ende ins Herz geschrieben.


12.10.2006 / taz- NRW (TAZ- Bericht), MANFRED GÖTZKE / S. 2, 133 Z.

Feldzug gegen die Fesseln

Was tun gegen Zwangsverheiratung? Integrationsminister Armin Laschet will das Nachzugsalter für MigrantInnen erhöhen. ExpertInnen sind sich uneins, ob das hilft oder reiner Populismus ist

VON MANFRED GÖTZKE

Der nordrhein-westfälische Integrationsminister Armin Laschet (CDU) sagt der Zwangsehe den Kampf an. Er schlägt vor, dass in Zukunft verheiratete Frauen erst dann zu ihrem Mann nach Deutschland ziehen dürfen, wenn sie mindestens 18 Jahre alt sind. Damit will Laschet verhindern, dass Familien ihre Töchter gegen deren Willen im Ausland verheiraten, um sie dann zu ihrem fremden Mann nach Deutschland zu holen. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) setzt sich sogar dafür ein, das Nachzugsalter auf 21 Jahre zu erhöhen. Eine Entscheidung des schwarz-roten Bundeskabinetts dazu steht in den nächsten Monaten an.

Wie viele junge Frauen in NRW zwangsverheiratet werden, ist nicht bekannt. 2002 wurden allerdings allein in Berlin 230 Fälle dokumentiert. Die Kölner Beratungsstelle für Migranntinnen "agisra" kümmert sich jedes Jahr um etwa 50 betroffene Frauen.

"Das geplante Gesetz ist absurd. Es wird die Probleme nur verstärken", sagt Ida Schrage von agisra. Die Mädchen würden weiterhin mit 16 im Ausland verheiratet und dann eben zwei Jahre später nach Deutschland geholt. "Dann haben sich die Paare nur noch weiter entfremdet", sagt Schrage. Statt Familien zu kriminalisieren, müsse man mit ihnen reden. "Man muss klarmachen, dass der Koran den Familien keineswegs gebietet, über das Leben ihrer Töchter zu entscheiden."

Die Frauenrechtsorganisation "Terre des Femmes" steht dagegen hinter den Plänen der NRW-Landesregierung. "Wir befürworten alle Gesetze, die die Heirat von Minderjährigen beschränken", sagt Rahel Volz, Referentin für Frauenrechte in islamischen Gesellschaften. Dieses Ziel sieht sie beim Vorschlag Schäubles, das Nachzugsalter auf 21 Jahre anzuheben allerdings nicht. "Das würde vor allem die Zuwanderung beschränken", sagt Volz. Gegen Zwangsheiraten könne Laschets Gesetz nur ein Baustein sein, diese könnten so keineswegs verhindert werden. "Wir erreichen damit nicht die Wurzeln des Problems."

Doch die Wurzeln zu bekämpfen kostet Geld: "Wirklich sinnvoll sind Präventionsmaßnahmen von Jugendämtern und Schulen, die die Wertvorstellungen in den Familien verändern", so Volz. Noch gibt es solche Maßnahmen nicht, die Landesregierung arbeitet an einem Konzept. Zudem, beklagt Volz, fehlen Einrichtungen, die junge Frauen aufnehmen, wenn sie sich aus einer Zwangsehe lösen wollen - oder einen drohenden Verheiratung entziehen. Denn das Problem besteht auch in Deutschland: 30 Prozent aller Mädchen, die Beratungsstellen für Migrantinnen aufsuchen, "sagen, sie seien von Zwangsheirat bedroht", erklärt die Autorin Serap Cileli (siehe Interview). Für solche Fälle gab es bis Februar dieses Jahres das Mädchenhaus Rabea als Zufluchtsort. Um die Mädchen und Frauen vor ihren Familien zu schützen, war nicht einmal bekannt, in welcher Stadt sich Rabea befand.

Obwohl es das einzige Mädchenhaus dieser Art in NRW war, wurde Rabea geschlossen. Als Anfang des Jahres Landesmittel für Frauenhäuser gekürzt wurden, fiel Rabea über die Klippe. "Wir haben das nie verstehen können", sagt Ida Schrage von agisra. Sie hat früher viele junge Frauen an das Mädchenhaus vermittelt. "Die Mädchen haben da einen Familienersatz gefunden."

Nicht nur agisra hält Laschets Vorschlag für falsch. "Ich finde es diskriminierend, wenn in Deutschland 16-Jährige mit Erlaubnis der Eltern heiraten dürfen, junge Türkinnen, die einwandern wollen, aber nicht", sagt Mekonnen Mesghena, Migrationsexperte bei der Heinrich-Böll Stiftung.Den Vorstoß des NRW-Ministers verbucht Mesghena vor allem als Versuch, beim Dauerbrenner Integration populistisch zu punkten. "Das Thema Zwangsheirat wird derzeit gerne aufgegriffen. Wirkliche Integration kostet aber viel Geld.


12.10.2006 / taz- NRW (Interview), MANFRED GÖTZKE / S. 2, 93 Z.

"Auch hier gibt es Zwangsverheiratungen"

Die Autorin Serap Cileli unterstützt Laschets Initiative, fordert aber auch mehr Aufklärungsarbeit in Familien

taz: Frau Cileli, sollte das Nachzugsalter für Ehefrauen auf 18 angehoben werden?

Serap Cileli: Es sollte sogar auf 21 Jahre angehoben werden. Ich unterstützte da voll den Vorschlag des Innenministers Wolfgang Schäuble. Allerdings reicht das nicht: Es muss mehr Aufklärungsarbeit gemacht werden. In den Schulen und in den Familien muss mehr informiert werden.

Befürchten sie nicht, das Gesetz könnte die Zuwanderung einschränken?

Ich denke nicht. Es werden dadurch vor allem die Rechte der Frauen geschützt. Und das ist auch mit einem solchen Gesetz schwierig genug: In vielen Fällen ist uns das Alter der Frauen nicht bekannt. Ich habe einige zwölf- oder 14-jährige Frauen beraten, die angeblich schon 18 waren. Das gibt es in Ländern wie der Türkei häufiger: Es fehlt die Geburtsurkunde und bei der Heirat in der Türkei wird einfach ein höheres Alter in den Ausweis geschrieben.

Zwangsehen werden auch in Deutschland geschlossen. Wie akut ist das Problem der Zwangsehe hier?

Generell sind die türkischen Mädchen hier viel emanzipierter. Sie wissen, welche Freiheiten und Rechte sie hier haben und sie haben in der Schule auch einen Ausgleich zum Familienleben. Trotzdem gibt es auch hier Zwangsverheiratungen. 30 Prozent der Mädchen, die zu Beratungsstellen für Migrantinnen gehen, sagen, sie seien von Zwangsheirat bedroht. Das sind zwar nur Schätzungen. Aber auf jeden Fall sind es viel mehr, als wir bislang dachten.

Wie können Zwangsheiraten verhindert werden?

Wir brauchen bundesweit Beratungsstellen und Kriseneinrichtungen, an die sich junge Frauen richten können, wenn sie vor ihrer Familie fliehen. Wir brauchen aber auch eine Kriseneinrichtung in der Türkei. Der türkische Staat muss sich um Frauen kümmern, die aufgrund von Zwangsheiraten in die Türkei verschleppt werden. Dann müssen Möglichkeiten geschaffen werden, die Frauen zurückzuholen. Wenn eine junge Frau mehr als sechs Monate im Ausland ist, verwirkt sie ihr Aufenthaltsrecht in Deutschland.

Wie kann man besser an die Familien herankommen?

Das ist das größte Problem. Man muss versuchen, mit Familienmitgliedern zu reden, wenn die Tochter oder der Sohn zwangsverheiratet wurde. Das wird zum Teil auch schon gemacht. Das Problem beginnt aber schon viel früher. Die Kinder kommen meist nicht in den Kindergarten, dazu muss der Staat die Familien verpflichten. Deutschkurse müssen Pflicht sein, Kindergartenplätze müssen Pflicht sein. Und da muss der Staat natürlich nicht nur fordern, sondern auch fördern und Plätze für alle Kinder zur Verfügung stellen.


06.10. 2006 / Main-Echo

Von den Eltern zur Heirat genötigt
Von Dr. Heinz Linduschka
Serap Cileli spricht vor Schülern in Elsenfeld über „Zwangsehen“, „Ehrenmorde“ und Chancen der Integration.


27. Sep. 2006 / World Politics Watch Exclusive

A Matter of Honor, Your Honor?

Von Rhea Wessel

Rhea Wessel, a freelance writer based in Frankfurt, is at work on a book about honor killings in Europe called "Honor Killings in Our Midst."


September 2006 / Gegenwind Nr. 216

Von Reinhard Pohl

Bücher: Zwangsehe und Nestbeschmutzung

Im Internet gibt es viele Diskussionsforen. Hier toben sich häufig Nazis aus, weil sie im Schutze der Anonymität mehr sagen können als öffentlich mit Namensnennung. Türkische Nazis beschimpfen hier hauptsächlich türkische Frauen, die sich öffentlich äußern. Eines Ihrer Lieblings- Hassobjekte ist Serap Cileli.

Serap Cileli ist eine harte Kritikerin der Integrationspolitik in Deutschland. Sie ist der Überzeugung, der Staat sollte auf diesem Gebiet die eigenen Werte hart und entschlossen durchsetzen. „Toleranz“ gegenüber dieser vermeintlichen Tradition ist für Betroffene schnell tödlich. Sie will die islamisch-türkischen Verbände, die das Problem der Zwangsehe ignorieren, kleinreden und schlimmstenfalls verteidigen, aufbrechen dadurch, dass Menschenrechte und Frauenrechte Pflichtfach in allen Schulen werden und SozialarbeiterInnen direkt in die Familien gehen. Für diese Frage akzeptiert sie keine Privatsphäre, weil die Privatheit des Mannes den Tod der Frau bedeuten kann.

Zitate aus einem türkisch- nationalistischen Internetforum:

„Bevor ich es vergesse, diese beiden Frauen begehen Rufmord, indem sie die muslimische Gesellschaft in Verruf bringen und vor allem den Ruf der Moslems in Deutschland vernichten bzw. noch verschlimmern. Kann man die verklagen?“ („sahika26 im Forum „politikcity“ am 17.7.06)

„Anatolien ist rot vom Blut dieser Frauen“, sagt sie. Oh mein Gott. Wie kann man Anatolien und seine familiäre und freundliche Gesellschaft so verachten und diffamieren. Die soll sich ihren Preis sonst wo aufhängen“. („zübeyde“ am 14.7.06 im Forum „„politikcity“)

„Was diese Leute (Cileli) tun, ist keine Form der Kritik, sondern und vielmehr eine Form der Zerstörung, der Demontage der eigenen Kultur in der Fremde. Vor allem aber ist es ein Akt der würdelosen Zerstörung oder sagen wir besser, der klägliche Versuch dessen. Dies deswegen, weil jene in der Tat etwas Unwürdiges tun, nämlich die eigenen Schwestern und Brüder auf eine noch nie da gewesene Art und Weise als kollektiv in den Dreck zu ziehen“. („ali ria ashley “ am 10.7.06 im Forum „„politikcity“)

„Es gibt nichts zu berichten…. Diese Cileli und die anderen zwei Außenseiter, schreiben meiner Meinung nach aus einer Realität, die es allein in ihren Köpfen so gibt……. Wenn diese lustigen Außenseiter nicht so komisch wären, hätte ich Sie längst wegen Volksverhetzung angezeigt“. („ali ria ashley “ am 09.7.06 im Forum „„politikcity“


2006 Stadtteilzeitung Hohenberg

Serap Cileli im Horber Kloster
Ein Lese- und Diskussionsabend mit der türkischstämmigen Frauenrechtlerin
Text: Lizzy Schmid, Projekt Zukunft


16.08.2006 / Hallo Elbe

Themenabend in Altona: Muslimische Frauen zwischen Tradition und Moderne
Es ist eine Wahrheit, die viele türkischstämmige Hamburger eher noch nicht hören wollen.


16.08.2006 / Altonaer Wochenblatt

Serap Cileli zu Gast in Altona
Vorkämpferin für die Rechte muslimischer Frauen spricht im Rathaus


26. 07. 2006 / bella / Nr. 31

bella Report:
„Jede Frau sollte aus Liebe heiraten“

Von Bruntje Thielke


25.07.2006 / Echo-online / Odenwälder Echo

Zwangsheirat: Das Schweigen brechen
Gesellschaft: Arbeitskreis will auf das stille Leiden von Mädchen und Frauen in Ausländerfamilien aufmerksam machen

Von Birgit Reuther

ODENWALDKREIS. Die Frauen und Männer des 2002 gegründeten Arbeitskreises „Gewalt gegen Migrantinnen“ sind sich einig: Auch im Odenwaldkreis sind viele Mädchen und Frauen aus anderen Kulturkreisen von häuslicher Gewalt betroffen. Und sie brauchen gezielt Unterstützung und Hilfe, weil dies aus den Familien selbst nur selten zu erwarten ist. Dabei stellen Zwangsheirat und Ehrenmorde, die jüngst auch in Südhessen aufgeschreckt haben, nur die Spitze des Eisbergs dar.

Mit einem Flyer geht der Arbeitskreis nun einen Schritt weiter: Das Faltblatt soll die so genannten Multiplikatoren – Lehrerinnen, Ärzte, Jugendbetreuer, Mitarbeiter von Beratungsstellen, Ämtern und Institutionen sowie weitere Menschen, die in Beruf oder Freizeit mit Mädchen und Frauen aus Ausländerfamilien zu tun haben – auf den Arbeitskreis aufmerksam machen. Wer mit Gewalt an Migrantinnen konfrontiert wurde, soll Gelegenheit zum fachlichen Austausch, zu Rat und Hilfe bekommen. Schließlich hatten die Initiatoren zuvor über eine kreisweit gestartete Fragebogen-Aktion erfahren, dass bei vielen Fachleuten Bedarf nach Vernetzung und Fortbildung besteht.

Ziel ist zudem, eine Einschätzung über das Ausmaß häuslicher Gewalt an Migrantinnen im Odenwaldkreis zu erhalten. Und trotz aller Hinweise auf die Finanznot der öffentlichen Hand will sich der Arbeitskreis auch dafür einsetzen, dass – irgendwo in der Region – für die Betroffenen eine Anlaufstelle wie auch eine Notunterkunft geschaffen werden. Bisher müssen viele ausländische Mädchen und Frauen, die dringend eine sichere Zuflucht brauchen, in Kriseneinrichtungen anderer Bundesländer untergebracht werden.

Ebenso soll die öffentliche Aufklärung über diese Problematik vertieft und versachlicht werden. Denn den Fachleuten ist bewusst, dass es dabei nicht nur um vorwiegend männliche Gewalt in islamisch geprägten Familien geht: „Gewalt in Familien ist kein Migranten- oder islamisches Problem – ihre Ursachen sind in den patriarchalischen Gesellschaftsstrukturen zu suchen“, stellt die Odenwälder Frauenbeauftragte Amarelle Opel klar. Sie koordiniert den Arbeitskreis, dem auch die türkische Autorin Serap Cileli und Bijan Monazah vom Diakonischen Werk Odenwald, Mitarbeiter des Staatlichen Schulamts, des Frauenhauses Erbach, der Arbeitsgemeinschaft Odenwälder Frauen, des Kreisjugendamts, der Jugendpflege Bad König und der Diakonie Frankfurt angehören.

Dass auch im Odenwald die Menschenrechte von Mädchen und Frauen aus Ausländerfamilien mitunter mit Füßen getreten werden, wird vor allem im Gespräch mit Serap Cileli klar: Die im Odenwald lebende, einst selbst unter Zwangsheirat leidende Türkin wirkt seit Anfang 1994 ehrenamtlich und bundesweit als Ansprechpartnerin für von Gewalt betroffene Migrantinnen. 2005 wurde die Menschenrechtlerin für ihr Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Allein aus dem Odenwaldkreis haben sich von Januar 2000 bis April diesen Jahres 25 von häuslicher Gewalt betroffene türkische und kurdische Mädchen oder Frauen sowie eine junge deutsche Frau mit türkischem Ehemann an Serap Cileli gewandt. Die meisten von ihnen waren 14 bis 21 Jahre jung. 13 waren von Zwangsheirat bedroht oder bereits betroffen, fast die Hälfte der Hilfesuchenden hatte einen Suizidversuch hinter sich. „Zwangsheiraten, Zwangsverschleierung, Misshandlungen, Missbrauch und das Verstoßen aus der Familie sind auch hier an der Tagesordnung“, weiß die Autorin und Mutter. Opfer sind sogar minderjährige Mädchen; und da Zwangsheirat die Familienzusammenführung ermöglicht, werden sie mitunter auch als „Einwanderungsticket“ missbraucht.

„Die Mädchen werden von Kindesbeinen an der Tradition gemäß erzogen, nicht zu widersprechen. Für Wohl und Ehre ihrer Familien nehmen sie Einschränkungen ihrer Rechte und Zwänge hin. Ein Unrechtsbewusstsein gibt es in diesen Familien nicht“, nennt Serap Cileli Hintergründe. „Diese Mädchen und Frauen leben in ständigem Konflikt zwischen der kulturellen Tradition ihrer Herkunftsländer und den Lebensformen der deutschen Gesellschaft. Meist haben sie niemanden, dem sie sich anvertrauen können. Sie fühlen sich von den Deutschen unverstanden, hilflos und ihrem Schicksal ausgeliefert, brauchen aber Zuspruch, Vertrauen, Solidarität und Betreuung – am besten unter Bedingungen, unter denen sie sich verstanden fühlen.“

Die meisten Mädchen wenden sich zuerst an ihre Lehrerinnen, viele nehmen aber auch über Cilelis Homepage Kontakt auf. Und da Zwangsheirat oft mit häuslicher und sexueller Gewalt einhergeht, die vielfach zu Krankheiten führen, sollten auch die Ärzte sensibilisiert werden. Auch beim Odenwälder Frauenhaus haben sich schon mehrfach Zwangsverheiratete und von Ehrenmord bedrohte Migrantinnen gemeldet.

Die türkische Menschenrechtlerin ist unter www.serap-cileli.de im Internet zu erreichen.


10.07.2006 / www.igfm.de / Presse: IGFM

Foto: © IGFM

Gegen Zwangsehen und Ehrenmorde

Eindrucksvolle Informationen aus erster Hand

Zum Thema "Menschenrechte im Vergleich Christentum und Islam" hatte die IGFM Gruppe in Karlsruhe unter der engagierten Leitung von Dr. Renate Seyrich zwei hochkarätige Referentinnen eingeladen.

"Wir sind eure Töchter, nicht eure Ehre"
Die Publizistin Serap Cileli, 1966 in der Türkei geboren, heute deutsche Staatsbürgerin, hat seit 1994 über 200 Frauen und Mädchen im Alter von 12 Jahren bis 54 Jahren betreut, die von Zwangsehe bedroht oder betroffen sind. Zu ihrer Klientel gehören auch einzelne türkische Jungen. Im Alter von 15 Jahren war sie selber zur Ehe gezwungen worden. Eindrucksvoll ist das in ihrer Biographie "Wir sind eure Töchter, nicht eure Ehre" belegt.

Parallelwelt mit eigenen Gesetzen

Frau Cileli skizzierte zu Beginn das Entstehen einer eigenen islamischen Welt in Deutschland mit über 3000 Moscheen, organisierten Pilgerfahrten nach Mekka und sich radikalen Gruppen zuwendenden Jugendlichen. Die religiöse Ausrichtung der Muslime in Deutschland und Europa nehme zu. Man könne Bücher mit Gebrauchsanleitungen zum Verprügeln der Frau erwerben. Die Ehre der Frau, besonders ihre Keuschheit, sei ein Schlüsselbegriff. Nach türkischer Vorstellung sei die Ehe eine Vereinbarung zwischen zwei Familien. Von Zwangsheirat betroffene Frauen in Deutschland werden dabei mit einem Mann in der Türkei verheiratet. Die Tötung einer für ehrlos befundenen Frau erfolgte nach einem Familienrat. Viele angebliche Selbstmorde seien Ehrenmorde. Frau Cileli sprach von etwa 5000 Ehrenmorden jährlich weltweit bei einer hohen Dunkelziffer. Es gebe eine Parallelwelt mit eigenen Gesetzen.

Mohammeds deutsche Töchter
Die Sozialwissenschaftlerin Frau Dr. Hiltrud Schröter ist Trägerin des Elisabeth- Selbert-Preises des Landes Hessen, IGFM Mitglied und Autorin von in Buchform erschienenen Studien wie "Mohammeds deutsche Töchter" und "Ahmadiyya- Bewegung des Islam". Sie hatte als Lehrerin zum Teil rein muslimische Klassen unterrichtet. Später hatte sie Arabisch gelernt und als Wissenschaftlerin an der Universität Frankfurt/Main den Alltag von Migrantinnen untersucht. Eine Spezialität von ihr ist der Vergleich von westlichen und islamischen Rechtsvorschriften über die Stellung der Frau. Sie legte unter anderem den Unterschied von islamischen Auffassungen gegenüber der "Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte" vom 10. Dezember 1948 dar. So stehen die Menschenrechtserklärungen des "Islamrates für Europa" vom 19. September 1981 und die "Kairoer Erklärung über die Menschenrechte im Islam" vom 5. August 1990 unter dem Gesamtbezugspunkt der Scharia, des islamischen Rechtes.

Menschenrechte contra Männerrecht
Artikel 20 der Menschenrechtserklärung des Islamrates für Europa sagt aus: "Die Männer stehen über den Frauen" und Artikel 12 beschränkt Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit auf die Grenzen der Scharia. Nach der von allen Muslimen anerkannten Hadith- Sammlung von Buchari an beispielsweise das Blut eines Moslems vergossen werden, der von seiner Religion abfällt. In der islamischen Lehre gibt es die Geschlechtsvormundschaft des Mannes und im Koran ist die Eheschließung eines Kindes erlaubt. 67 Prozent der Ehen in der Türkei seien arrangiert, so Frau Dr. Schröter. Die in der islamischen Welt dominierende Frauentauschlogik mit ihrer kulturtraditionellen Unterdrückung der Frau kontrastiert mit der Logik der Anerkennung der Frau als gleichberechtigte Person.

 

 
 

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